Die Liste mit den Neuentwicklungen ist erschreckend kurz.
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Testbericht: Aston Martin Vantage V8 Roadster

Wo Zahlen nicht wichtig sind und sich Kraft und Anmut vereinen, ist Aston Martin zu Hause und die Luft dünn

19.05.2013 Online Redaktion

Meine neue Uhr hat nur einen Zeiger. ­Einen Stundenzeiger. Ich kann drauf schauen und weiß, wie spät es ungefähr ist. Wahrscheinlich ist die Uhr nicht wasserdicht. Das weiß ich nicht. Die Uhr tut nichts weiter als die Zeit anzeigen. Sie ist schnörkellos und mondän. Der Hersteller hätte einen Minuten- oder gar Sekundenzeiger einbauen können, hält diese aber für tickende Zwangs­neurosen. Die Uhr beruhigt und entschleunigt, setzt aber voraus, dass man seine Mitte ­gefunden hat. Wie exklusiv.

Der Aston Martin Vantage V8 ist meiner Uhr sehr ähnlich. Der Einstiegs-Aston ist als Roadster für 164.100 Euro zu haben und von erstaunlicher Klarheit. Zwischen den beiden Nummerntafeln beugt sich ­alles dem Geist der Marke. Der V8-Motor liegt weit nach hinten gezogen, was eine perfekte Balance ergibt. 426 PS branden in ein Sechsganggetriebe und werden auf die Hinterachse kanalisiert. Fast 80 Prozent der 470 Newtonmeter liegen schon bei 1500 Touren an. Bum! In Summe spielt der Aston Martin Vantage V8 in der Liga der Supersportler, die ­einen in unter fünf Sekunden auf Tempo hundert schießen.

Was man freilich nie ausreizt, weil die Ästhetik in ihrer Gesamtheit solch pubertäre Anwandlungen unterdrückt. Der Vantage protzt nicht, er biedert sich aber auch nicht mit ­buckelndem Understatement an. Er ist. Und er ist schön. Die Türen öffnen leicht nach oben. Ein Effekt, den Aston holprig als Schwanenflügeltür bezeichnet. Ich schlage vor, die Flügel rauszukürzen – fliegen kann der Vantage ohnehin nicht – und sich auf Schwanentür zu einigen.

Im Innenraum das gleiche Spiel. Handarbeit und erstklassige Materialien verströmen Eleganz und das Flair unend­licher Haltbarkeit. Überall ­Leder, Drehknöpfe aus Alu­minium und eine Ablagefläche aus Gunmetal mit Graphite-­Finish. Wir wussten gar nicht, dass es so etwas gibt, bevor wir im Vantage saßen.

Die Probleme werden beim Aston Martin Vantage V8 sichtbar

Jetzt ist aber Zeit für Kritik. Seit 2004 erwirtschaftet das Unternehmen Gewinn, seit 2007 ist die Marke selbstständig. Damals kaufte ein Konsortium die Engländer aus dem Ford-Komplex heraus. Aston Martin steht also in seinem sechsten Jahr alleine da, und die Nachteile werden sichtbar. Anders als die Uhrenfirma, die ein einfaches, konzentriertes Produkt anbieten möchte, kann Aston Martin offensichtlich gar nicht anders. In einem Auto dieser Preisklasse ist es kein Beweis für offensive Zurückhaltung, wenn man zwar ein riesiges Farbdisplay verbaut, darauf aber nicht mehr bieten kann als Grafik aus den Anfangszeiten mobiler Navigationsgeräte. Es ist schlicht ein Zeichen dafür, dass man in dieser Hinsicht mit der Konkurrenz nicht mithalten kann.

Radargestützter Tempomat, Rückfahrkamera, Verkehrszeichenerkennung, Musik hören via Bluetooth – alles nicht einmal gegen Aufpreis erhältlich. Und wer seinen MP3-Player anschließt, muss ihn über ein winziges Zweifarben-Display bedienen.

Noch vermisst man all die Gadgets nicht und nimmt den Vantage V8 Roadster als erfrischend klaren Sportwagen wahr. Als exklusiv. Und „über Exklusivität löst sich die Frage des Wettbewerbs“. Diesen Satz sagte Ulrich Bez, der Chef von Aston Martin, im Jahr 2004. Vereinfacht meinte er damit, dass in der Aston-Martin-Liga andere Werte eine Rolle spielen als jene, die man in Zahlen gießen kann. Seien es Euros, Stundenkilometer oder Sekunden.

Aber Aston Martin muss aufpassen, den Anschluss nicht zu verlieren. Denn auch den V8-Saugmotor und die Zahnstangen-Servolenkung wird Bez bald nicht mehr mit Exklusivität erklären können, wenn die deutsche Konkurrenz von AMG und Porsche mit Turbo, Direkteinspritzung und elek­tronischer Lenkung besser fährt, weniger verbraucht und genauso gut klingt.

  • Max

    die Uhr muss eine Meistersinger sein – sehr gute Wahl!
    Der V8 aber ebenfalls – ein Traumwagen!
    Und der Autorenmeinung ist nichts mehr hinzuzufügen außer – Aston Martin sei ein Saabschicksal bitte erspart. Dann lieber gleich untergehen – aber mit Würde!

  • leser

    hallo herr autotester seidel,

    das war dann wohl ihr letzter artikel. viel spaß beim brotaufbacken bei BILLA.

    ihr, bis dahin, ergebener

    leser

    • Hallo Herr Leser Leser,

      dort hätte ich es immerhin immer warm.

      Ihr, bis heute frieremder,

      Schreiber

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