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Die wohl dringend benötigten Belüftungskiemen, dickere Backen und ein ­akzentuierterer Heckspoiler sind die einzigen Hinweise auf den mächtigen V12.
 

Vorstellung: Aston Martin Vantage

Über die derzeit unauffälligste Art, einen 500-PS-Sportwagen zu bewegen.

01.07.2009 Autorevue Magazin

Fragt man Aston-Martin-Chef Ulrich Bez in diesem Jahr 2009 nach der größten Stärke seiner Marke, wird man eine überraschende Antwort zu hören bekommen: „Ein Aston Martin verursacht keine sozialen Unannehmlichkeiten“. Stimmt irgendwie: Die Produkte des Hauses schauen nicht nach nix aus, bleiben aber trotzdem stets zurückhaltend genug, um im Volk keine Neid-Rülpser auszulösen. Dezenz statt optischer Kraftmeierei – das klingt tatsächlich nach einem Konzept, das in den nächsten Jahren aufgehen könnte. Denn das Geld ist ja nicht einfach verschwunden, es traut sich nur kaum einer, es für so offensive Statements wie einen Sportwagen auszugeben.

Bestes Beispiel ist der neue Vantage V12, quasi der schwarze Golf GTI unter den Supersportlern. Den unschuldigen, nahezu friedvollen Eindruck des kleineren Bruders V8 stören gerade einmal zart aufgeblähte Backen und Karbon-Lüftungsschlitze auf der Motorhaube. Letztere dürften dringend notwendig sein, denn wie es sich für die Kleines-Kastl-mächtiger-Murl-Philosophie gehört, war der Einbau des Sechsliter-V12 aus dem DBS Millimeterarbeit. Nach dem Öffnen der Motorhaube bleibt jedenfalls das Gefühl, dass der Deckel nie wieder zugeht.

Und wer brav mit leicht erhöhtem Standgas durch den Verkehr schlurft, hat selbst in Bewegung gute Chancen, unerkannt davonzukommen. Erst mit steigendem Erregungspegel outet sich der V12, dann aber gewaltig. Der Sechsliter hat vom dumpfen Grollen bis zum spitzen Schrei die gesamte Zwölfer-Tonleiter drauf, und ja, alleine der Sound wäre Kaufargument genug.

Aber Vorsicht: Nur wegen Sound und Prestige alleine sollte man keinesfalls zum V12 greifen, dazu ist das Ding zu ehrlich. Denn im Gegensatz zum bis zur zarten Fadesse unakzentuierten V8 wurde dem V12 eine ordentliche Portion Charakter mitgegeben. Man hat jedenfalls das Gefühl, in einem völlig anderen Auto zu sitzen. Das Fahrwerk wurde von der unverbindlichen Schwammigkeit des V8 völlig befreit und trifft nun punktgenau – allerdings auch die Bandscheiben. Und wer jetzt vermutet, dass der schwerere, weiter vorne hockende Motor Kopflastigkeit verursacht, liegt falsch. Die Transaxle-Bauweise mit dem an der Hinterachse angeflanschten manuellen Sechsgang-Getriebe schafft einen Teil des Ausgleichs, es hilft aber auch, dass die 100 kg Mehrgewicht des V12 zur Hälfte durch Karbonbremsen (–18 kg), feste Rücksitze (–20 kg) und Detailarbeit wieder abgespeckt werden konnten.

Im V12 ist jedenfalls absolute Agilität und Direktheit angesagt, ein entschlossener Sportmodus für die Motorelektronik und die serienmäßigen Karbonbremsen tun das Übrige. Der Vantage V12 will als echter Racer verstanden werden, der zwar unauffällig daherkommt, aber, wenn’s drauf ankommt, in Sachen Adrenalinspiegel locker Augenhöhe mit Ferrari F 430 und Lamborghini Gallardo hält. Der No-Nonsense-Geist wird noch durch die Tatsache unterstützt, dass es weder ein sequenzielles Getriebe noch eine Roadster-Version geben wird.

Also klingt auch Ulrich Bez’ Antwort glaubwürdig, wenn man ihn nach dem größten Fehler der letzten Zeit fragt: „Wir haben den Vantage V12 wohl zu billig eingepreist.“ Wie schon gesagt, das Geld ist ja da. Und 210.405 Euro klingen zwar nicht nach Schnäppchen, bleiben aber im Rahmen von Ferrari und Lamborghini, den Zwölfzylinder-Mythos kriegt man quasi gratis obendrauf gepackt.

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