Aston Martin Cygnet Exterieur Statisch Seite
Auf der Insel haben sie das Auto vollständig auseinander­genommen und jedes Bauteil veredelt oder durch ein neues ersetzt.
 

Testbericht: Aston Martin Cygnet

Autos sind wie Handtaschen. Vielleicht ein bisschen größer und schwerer. Monolog einer Stil-Apologetin.

07.11.2011 Autorevue Magazin

Ich weiß, Fanny, es ist erst neun Uhr, aber kannst du bitte gleich den Champagner aufmachen? Ich muss dir was erzählen. Nein, nicht das von Ferry – oder weißt du am Ende noch gar nicht, dass die Scheidung jetzt endlich durch ist? Ich hab alles gekriegt, was ich wollte. Das Penthouse in der City, das Haus in Kitz und einen ordentlichen Anteil von dem, was er in die Schweiz geschafft hat. Er hat freiwillig gezahlt, so viel wie ich weiß. Und von mir aus soll er glücklich werden mit dem anämischen blonden Suppenhuhn, diesem zaundürren!

Aston Martin Cygnet Exterieur Statisch Front

Aber das war eigentlich gar nicht, was ich dir erzählen wollte. Pass auf! Ich hab letztens in der Vogue – oder war’s in Harper’s Bazar? – etwas ­gesehen, und das hab ich mir jetzt gekauft. Kein Kleid. Keine Handtasche. Kein Collier. EIN AUTO. Ein wahnsinnig niedliches hübsches kleines Auto mit einem Gesicht wie ein Edelstein-Mosaik-Portrait von einem mongolischen Riesenhamster. Ist ein Aston Martin. Ja doch, ein Aston Martin. Die bauen nicht nur diese schicken Sport-Schlitten, sondern auch so kleine Schmuckschatüllchen im Dreimeter-Format, fast so breit wie hoch und mit possierlicher platter Nase.

Ich hab mich ja erst beim Händler erkundigen müssen, um all die Fragen beantworten zu können, die man mir auf der Straße stellt. Genau, auf der Straße. Ich find jetzt mit dem Winzling nämlich sogar in der City einen Parkplatz. Die Fragen? Was das im Detail für ein Auto ist, woher es genau kommt und was der Name eigentlich bedeutet. Willst du’s hören? Schenk nach, ich erzähl’s dir. Cygnet, wie sich der Kleine nennt, heißt so viel wie „Junger Schwan“. Ich hab das vorher gegoogelt, weil ich nicht supernackt vor dem Autohändler dastehen wollte. Spricht sich übrigens „Signet“ aus, hat er dann gesagt, aber nicht gewusst, dass es in den 1920er Jahren schon einmal ein Auto dieses Namens gab, das der Maharadscha von Nabha als Miniatur-Version von seinem großen „Swan Car“ anfertigen ließ. Ich hab das Foto am iPhone, schau, richtig mit Schwanenhals, Elektromotor und so. War nämlich für seine Kinder, und der Maharadscha war ein fortschrittlich denkender, kultursinniger Mensch, kein so ein sieriger Kleingeist-Rüpel wie der Ferry.

Wenn du magst, Fanny, können wir im Sommer mit meinem Cygnet nach Holland fahren, dort steht das hochwohlgeborene Kinderauto in der Nähe von Amsterdam in einem Museum, wir könnten es uns anschauen und dann nach Antwerpen weiterfahren, um bei Dries van Noten und Ann Demeulemeester vorbeizuschauen. Wobei: 12 Stunden auf der Autobahn in einem Spuckerl mit 98 PS und zwei Metern Radstand? Blöde Idee. Wir fliegen Business, die ­Tickets gehen auf mich.

Aston Martin Cygnet Interieur

Was der Autohändler – ein sehr distinguierter junger Mann übrigens – mir noch erzählt hat: Mein Cygnet ist vom Stammbaum her eigentlich ein Japaner. Ein Toyota. iQ. Erst hab ich gedacht: Kenn ich nicht. Dann ist mir eingefallen, dass die Tochter von der Katharina so einen hat, und die kennt sich aus, die steht echt im Leben, verdient ihr eigenes Geld, mit ihren eigenen Entwürfen, und das mit 27. Hut ab, sag ich.

Das Tolle am iQ-Format ist: Er ist nicht länger als die Pillendose Smart, hat aber vier Sitze. Jedenfalls fast. Auf den hinteren kann zwar kein normaler Mensch sitzen, aber im Fall des Falles könnte ich deine zwei Mädels einmal am Freitag für dich vom Sacré Coeur abholen, das müsste sich sogar inklusive Schultaschen und Einkaufssackerln ausgehen.

Und auch entsprechend Eindruck machen. Denn vom Japanischen merkst du bei meinem Cygnet gar nichts mehr. Da steht auf der Türschwelle „Hand­crafted in England“ drauf, und das sieht man auch. Auf der Insel haben sie das Auto nämlich vollständig auseinandergenommen und jedes Bauteil entweder veredelt oder gegen ein neues ausgetauscht. Das Motorhäubchen, zum Beispiel, das für den ­großen Aston-Martin-mäßigen Kühler hat Platz schaffen ­müssen und jetzt so einen nied­lichen Potenz-Mugel hat. Macht ein richtiges Charakternäschen. Detto die Heckklappe und die Wülste, die unten um das Auto herumlaufen. Es ist tatsächlich ein völlig anderes Auto geworden.

Aston Martin Cygnet Interieur

Ich find ja auch diese Chromspange auf der Seite entzückend. Der Kleine tut glatt so, als wäre er ein Großer, und stark dazu, was er aber nicht ist, weil den Motor hat Aston Martin gelassen, wie er war. Hat zwar weniger PS als der VW Beetle von meiner Putzfrau, ist aber immerhin die stärkste Version, die man aus Japan heranschaffen konnte, der schwächere iQ hat nämlich nur einen ­Liter, sagte der nette Verkäufer, und das ist ja auch bei Champagnerflaschen ein völlig ungebräuchliches Volumen.

Und drinnen, Süße, ist er wirklich ein Fest für jemanden, der so ein feines Gespür für den perfekten Stil hat wie ich eben. Die Ledersitze mit den abgesteppten Rauten sind die gleichen wie in den anderen Aston Martins, mit super­feinem Leder und hellen ­Kontrastnähten, und die ­Lehne geht fließend in die Kopfstützen über, das mag ich ja besonders. Ein herrliches Formgebilde, das du in keinem anderen Auto dieser Größe findest. Ich weiß das, weil ich seit ­Neuestem in alle Autos reinschaue.

Leder auch an den Tür­innenseiten, rund ums Cockpit und überhaupt überall, wo man hingreift. Die Metallteile fühlen sich an wie das polierte Silber von meiner Mutter, und ich bin auch von der Idee begeistert, statt eines Handschuhfachs eine Tasche aus Leder unterhalb des Seitenairbags zu befestigen. Es gibt da auch noch ein passendes fünfteiliges Gepäck-Set von Bill Amberg dazu, inklusive faltbarer Einkaufstasche. Bill Amberg kennst du nicht? Fanny! Jetzt enttäuschst du mich aber! Sag jetzt bloß, die zweite Flasche ist auch schon leer. Wir haben uns ganz schön verplaudert, echt wahr. Ich muss jetzt aber eh los. Zum Pilates. Mach ich seit der Scheidung. Und der Ferry wird schön schauen, wenn ich ihn und sein rachitisches Hendl am Sonntag beim Fest von Gunter und Katharina treffe. Wird ihm alles noch leidtun. Eines Tages.

Dank an den Hutsalon von Viktoriya Sitochina in der Josefstädter Straße 38, 1080 Wien.

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