Zeitreise 1975 Pacer Das Jahr
Der „Mopacer“ – Anna Beth Lamkin aus Louisiana mit dem von ihr selbst designten AMC Pacer X.
 

1975 – Das Jahr: Apokalypse later

Die Zeugen Jehovas hatten für 1975 den Weltuntergang vorausgesagt. Stattdessen ging der schlimmste Krieg seit 1945 zu Ende.

23.07.2011 Autorevue Magazin

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Am 1. Jänner 1975 begann das „Internationale Jahr der Frau“. Schon am 11. Februar wurde mit Margaret Thatcher erstmals eine Frau Parteivorsitzende der britischen Konservativen, was aber nicht alle ihrer Geschlechtsgenossinnen als feministischen Teilsieg sehen wollten. Sie selbst wohl zuletzt.

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Großes Ereignis des Jahres: Das Ende des Vietnamkriegs. Er hatte fast 30 Jahre zuvor begonnen, damals noch mit der Kolonial­macht Frankreich als das Böse. Die zog 1954 besiegt ab. 1965 ­kamen die US-Truppen, es begann das, was wir heute als eigentlichen Vietnamkrieg verstehen und der Supermacht USA ein Trauma eingebracht hat, das noch eine Weile anhalten wird. In den Wochen vor dem 30. April – an diesem Tag wurde Saigon von den Nordvietnamesen eingenommen – waren die Amerikaner Stück für Stück weggebröckelt. Letzter Akt der schiefgegangenen ­Umsetzung von Eisenhowers Rollback-Politik: Evakuierung aller Amerikaner und vieler Südvietnamesen am 29. April, besonders medienwirksam die überstürzte Helikopter-Flucht vom Dach der US-Botschaft in Saigon.

Zumindest in Vietcong-Diktion ist hier auf jeden Fall eine ­Befreiung passiert. Es gab andere Befreiungen vom imperialistischen Joch in diesem Jahr auf der Welt, mit ähnlich zwiespältigem Ausgang: Mosambik, Angola, Kap Verde sowie Sao Tomé und Príncipe wurden von Portugal unabhängig, Papua-Neuguinea von Australien, die Komoren von Frankreich, Surinam von den Niederlanden. Diktaturen, Putschs, Bürgerkriege ­waren fast überall die ersten Begleiter der Freiheit.

Es illustriert die wirtschaftliche Vitalität der USA, dass trotz zehnjährigen, kostspieligen Kriegführens das Programm für den ersten Marsflug mit voller Kraft weitergefahren wurde: Am 20. August startete Viking 1, am 9. September Viking 2. Die beiden unbemannten Sonden erreichten den Mars knapp ein Jahr später und schickten die ersten Fotos von einem anderen Planeten, auf denen allerdings weder Marsmenschen noch von ihnen erbaute Kanäle zu sehen waren. Man hatte so was schon geahnt.

Österreich spielte indessen heile Welt und wählte mit Rudolf Kirchschläger einen Bundespräsidenten, dessen schneidige und aufpeitschende Nationalfeiertagsansprachen unvergessen bleiben. Was ebenfalls bis heute wirkt, wenn auch schmerzhaft, war die Einführung der gebührenpflichtigen Kurzparkzonen in Wien im April.

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Ein weiterer Anschlag auf die heile Welt war dramatischer: Am 21. Dezember überfielen fünf Terroristen den Sitz der OPEC ­(Organisation erdölexportierender Länder) in Wien und nahmen unter anderem elf OPEC-Minister als Geiseln (die hatten gerade im ersten Stock über eine Erhöhung des Ölpreises diskutiert). Beim Überfall wurden ein Wiener Polizist und zwei OPEC-Mitarbeiter getötet. Danach wurde ein Geschäft abgeschlossen: Die Terroristen ließen die österreichischen Geiseln frei und erhielten im Gegenzug von der Regierung freies Geleit, einen Postbus zum Flughafen sowie eine DC-9 der AUA, um sich und 33 Geiseln nach Algier ausfliegen zu lassen. Das geschah am ­nächsten Tag. In Algier wurden die Geiseln freigelassen, nach kurzer Haft dann auch die Terroristen. ­Deren Anführer, Ilich Ramírez Sánchez, genannt Carlos der Schakal, beendete seine aktive Zeit als Terrorist erst 1994, als er von französischen Agenten verhaftet wurde. Er ist bis heute in Frankreich inhaftiert.

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