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Am Gipfel – der Mercedes-Benz 300 TD T 4Matic

Wenn Du alleine bist mit dem alten Benz, dann ist es ganz ruhig. Behaglich knuspert der Diesel unter der Haube und flüstert: heute, morgen, egal. Ich bringe dich ans Ziel. Immer.

27.04.2015 Online Redaktion

Die Bürde des Perfekten lastete noch lange nicht auf ihm. Er war es einfach. Er konnte gar nicht anders. Muss ein Mercedes heute das Beste oder nichts sein, so hatte man derlei verbales Säbelrasseln damals nicht nötig. Dabei ist es nur verständlich, schließlich springt ein gutes Pferd nur so hoch, wie es muss. Und gute Pferde bauen sie in Stuttgart auch heute noch.

Es wirkt vielleicht alles ein bisschen verkrampft. Es scheint sie anzustrengen, gegen die eigens geschaffene Legende anzukommen. Aber: warum ein Auto besser bauen, als man muss? Wo läge da der Sinn, vor allem der betriebswirtschaftliche?

Weil ein gutes Pferd verdammt nochmal so hoch springt, wie es kann.

Das gute Pferd: der 300 TD T 4Matic. Sie nannten ihn tatsächlich so.

Mercedes 300 TDT 4Matic Wallpaper 17

Jedes Aggregat, jede Funktion, jeder Schalter, ja jedes Detail, alles ist aus dem Vollen gearbeitet. Die Form ist der Funktion unterworfen, um sie in absoluter Perfektion auszuführen. Für immer. Und das merkst du dem 300er an, heute wie vor dreißig Jahren. Denn genaugenommen merkst du nichts.

Sämig zieht er seine Bahn dem Gipfel entgegen, der Wandler des alten Viergangautomaten gibt großzügig die Drehzahlen frei und der alten Sechszylinder stampft gemächlich voran. Das die vier Räder durch hohen Schnee waten, teils auf blankem Eis Griff finden müssen – er lässt es dich nicht spüren.

Dabei wirkt in diesem Moment unter der schneeweißen Karosserie ein hydraulisch wie mechanisches Meisterwerk. Zwei Differentiale etwa, eines in der Mitte und eines an der Hinterachse. Beide sind sie hydraulisch sperrbar. Beim Anfahren zum Beispiel sorgt die Elektronik für eine hydraulische Vorspannung des Mittendifferential, das Ergebnis ist ein Allradantrieb, der 35% des Motormoments an die Vorderachse weiterleitet. Bist du gar zu garstig mit dem Gaseinsatz, registrieren die Radsensoren das sofort und sperren die Mitte ganz. Paritätisch werden dann beide Achsen versorgt. Schlupft es immer noch durch, wird die Hinterachse voll gesperrt.

147 Diesel-PS. Einst Maß der Dinge, heute eher gemütlich.

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Das alles natürlich schwäbisch gemaßregelt. Über 35km/h wird die Hinterachs-Stufe nicht mehr geschaltet. Nicht, dass da noch jemand auf die Idee wilder Querfahrerei gerät. Auch koppelt sich die 4Matic oberhalb von 20km/h vollständig ab, solange es keine durchdrehenden Räder gibt. Beim Bremsen ist das System sowieso deaktiviert, damit es keine Interferenzen mit dem ABS-Betrieb gibt.

All das kommt natürlich nicht günstig. Die zwei Differentiale und deren Steuerung alleine sind aufwändig und teuer. Dazu kommt der Bauraum: er war nicht wirklich da. So musste der Mitteltunnel verbreitert werden, ein Tunnel durch die Ölwanne gebohrt werden, damit die Antriebswellen hindurchpassen und zu guter Letzt die Federn an der Vorderachse gestreckt, damit man die Kraft auch ans Rad bringt.

Ein Aufwand, den man heute nicht mehr betreiben würde. Weil es günstiger geht. Bremseingriffe die Differenzialsperren simulieren. Und überhaupt: Einzelteile extra für eine Antriebsvariante entwickeln? Undenkbar.

Innen ist Ruhe. Nichts vom betriebenen Aufwand dringt zum Fahrer.

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Deshalb erfreuen wir uns noch einmal an den sänftengleichen Federkernsitzen, drehen zart am gigantischen Lenkrad und lassen die 147PS zur Gänze im tiefen Schnee aufmarschieren. Ohne Dramatik geht der große Kombi quer, hebt die Haube hoch in Richtung Horizont und folgt stoisch dem Stern. Im Tal zurück dieselt der Dreiliter nach dem Schlüsseldreh ein wenig nach, dann fällt die Tür mit sattem Schmatzen ins Schloss.

Der 300 TD T 4Matic ist nicht bloß ein gutes Pferd. Er ist eines der besten.

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