Am Ende war das Ziel

Die Dorotheum’sche Fahrzeugversteigerung als etwas anderer Weg, ­einem Auto einen Besitzerwechsel angedeihen zu lassen.

29.12.2011 Online Redaktion

Dreitausendvierhundert,
dreitausendsechshundert,
dreitausendachthundert,
viertausend.

Der Auktionator wiederholt die Gebote, monoton und unbeirrbar wie der Regen, der draußen aufs Dach der Halle prasselt.

Viertausendsechshundert,
viertausendachthundert,
fünftausend.

Versteigerung Auktion Dorotheum

Ungefähr an dieser Stelle ist Schluss mit preiswert, die Magie einer Auktion beginnt: Mann gegen Mann, Nummer Siebenundfünfzig gegen Nummer Zweihundertsechsundzwanzig. Es geht um einen VW-Bus, Vor­besitzer Gendarmerie, womit eigentlich alles gesagt wäre. Nummer Zweihundert­sechs­undzwanzig bekommt den Zuschlag, der kleine Steirer im karierten Hemd verbleibt in kaufmännischer ­Gelassenheit. Oder ahnt er, dass sich der Transporter damit über dem Wert geschlagen hat? Dass am Ende der Kampfgeist mit ihm durchging? Für Euphorie oder gar Schadenfreude ist jedenfalls keine Zeit, das nächste Objekt wird bereits ausgerufen, und Nummer Zweihundertsechsundzwanzig braucht noch weitere Transporter. Der Reigen geht weiter. Ford Transit, Baujahr 2000, 104.000 km:

tausendvierhundert,
tausendsechshundert,
tausendachthundert.

Versteigerung Auktion Dorotheum

Der Herr, dessen Stimme wie Regen auf das Publikum fällt, ist Manfred Humer, Leiter der Sparte KFZ-Technik Österreich. Das Dorotheum vertreibt nämlich nicht nur Porzellanvasen und Briefmarkensammlungen, auch zum Teil schwer angeschlagene Gebrauchtfahrzeuge gehören zum täglichen Geschäft. Gut sechzig Versteigerungen wurden im vergangenen Jahr auf diesem Gebiet abgewickelt, Auskünfte über die Umsatzleistung kommen zögerlich (über Zahlen spricht man nicht gern), zur Einordnung lässt Herr Humer schließlich wissen: Die KFZ-Sparte steuert rund ein Sechstel des Dorotheum-Umsatzes bei. Auch die heutige Auktion wird knapp 722.000 Euro Brutto-Umsatz bringen. ­Ursprünglich ein Staatsbetrieb, war das ­Dorotheum vor allem für ausrangierte Einsatzfahrzeuge zuständig, seit der Privatisierung 2001 (und seit Polizei und Co. zunehmend Leasing-Fahrzeuge betreiben) bemüht man sich verstärkt um Firmen, die keine Zeit oder Lust haben, sich um die Entsorgung ihres Fuhrparks zu kümmern. Privatverkäufe sind auch möglich, aber selten.

Versteigerung Auktion Dorotheum

Das KFZ-Technik-Zentrum in Traun wurde 2004 eröffnet, ein schmuckloser Plattenbau, auf dem Hof stehen die Versteigerungsstücke dicht an dicht in den Pfützen. Ein Konglomerat der Tristesse. Schmähfreiheit ist hier Geschäftskonzept, Auflockerung obliegt dem Publikum – kaum zu glauben, dass diese charme­befreite Ecke der Trauner Vorstadt sogar schon geadelt wurde: Fürst Albert von ­Monaco schaute hier vorbei, um einen Puch Pinzgauer zu ersteigern. Er reiste mit Gefolgschaft an, was ihm vor allem ersparte, selbst die Hand zu heben, um ein Gebot abzugeben.

Aber das Gros der Kundschaft kommt aus einer anderen Ecke, sozial wie geografisch: Die Besucher aus den ehemaligen Ostblock-Staaten sind in der Regel die ­Ersten, die am Auktionstag zur Besichtigung kommen. Sie sind oft die ganze Nacht durchgefahren, aber es scheint sich zu lohnen. Manche lassen sich sicherlich von den niedrigen Rufpreisen anlocken.

Versteigerung Auktion Dorotheum

Das ist das offene Geschäftsgeheimnis: der niedrige Rufpreis. Ein Peugeot 407 Coupé, zum Beispiel: Steht im Katalog für 800 Euro, geht weg für 7.400 Euro – fast das Zehnfache, zuzüglich der 22 Prozent Käufergebühr. Oder ein Audi Q7: 13.000 Euro sind für das SUV ausgerufen, Herr Humer erwartet 25.000 bis 30.000 Euro. Tatsächlich liegt das Meistbot bei 26.000 Euro, mit Steuern und Gebühren klopft der Käufer im feinen Zwirn schon am Eurotax-Wert des großen Audi an. Und das, obwohl über die Objekte im Vorfeld kaum mehr zu erfahren ist, als in den vier Zeilen im Katalog steht. Man kann sich zwar die Nase an den Scheiben plattdrücken, aber reinsetzen, ein Blick in den Motorraum, Probefahrt? Njet. Das ist nicht unseriös, das gehört zum ­Geschäft. Das Mysterium einer Auktion, sozusagen. Wem das nicht passt, der kann zum Gebrauchtwagenhändler gehen.

Die Leute stört’s nicht, sie bieten fleißig weiter. Auch scheinbar aussichtslose Fälle wie ein Fiesta mit Totalschaden oder ein Elektroschleppwagerl der ÖBB finden Abnehmer. Ein großes Einrichtungshaus hat heute einiges zum Angebot beigesteuert: Ford-Modelle in allen Größen, die hier am Zenit ihrer Leidensfähigkeit gestrandet sind. Daneben gibt’s auch noch mehr oder minder devastierte Einsatzfahrzeuge – dass das Dorotheum privatisiert wurde, bedeutet nicht, dass die Exekutive ihre Streifenwagen auf eBay losschlägt. Zur Abrundung gibt’s einen Traktor samt Anhänger und eine Hand voll Gabelstapler und Kettenbagger. Der Höhepunkt des Programms ist jedoch eine Jenbacher-Lokomotive: 40 Jahre alt, 42 Tonnen Eigengewicht. Rufpreis 10.000 Euro, mehr ist dafür auch nicht zu lukrieren, aber immerhin, sie geht weg. Insgesamt stehen heute 213 Objekte im Katalog, „an der Grenze des Machbaren“, wie Herr Humer es ausdrückt. Der Andrang ist dementsprechend, dreihundert bis vierhundert Besucher werden erwartet.

Es hat zu regnen aufgehört, Bieter Sechsundachtzig schleicht auf dem Hof um einen tannengrünen Steyr-LKW, Baujahr 1988, den er zusammen mit einem noch älteren Lastwagen ersteigert hat. Wozu er ihn verwendet? Der Herr mit der blondierten Stoppelfrisur zögert. Man ist skeptisch hier gegenüber aufdringlich Fragenden und generell Leuten, die auf ein Gespräch aus sind. „Wollten Sie ihn haben?“ Nein. „Na, wozu er halt gebaut worden ist, Autos transportieren, Bagger transportieren …“ Erklärt’s, halblaut und etwas unwirsch, und verzieht sich wieder in die Auktionshalle. Dort ist der Zahlenregen noch in vollem Gange.

Versteigerung Auktion Dorotheum

Dreitausendzweihundert,
dreitausendvierhundert,
dreitausendsechshundert,
dreitausendachthundert.

Es geht um einen VW Golf. „Stark gebraucht, beschädigt, fehlen Teile, gründlich überholungs- bzw. reparaturbedürftig, ohne Gewähr für Verkehrs- und Betriebssicherheit.“ Damit ist das Dorotheum in allen Rechtsfragen aus dem Schneider.

Viertausend,
viertausendzweihundert,
viertausendvierhundert,
viertausendsechshundert.

Es geht dahin, monoton wie der angebotene TDI. Generell hat man den Eindruck, dass das hier der TDI unter den Versteigerungen ist: kühl und trocken, aber am Ende kommt jeder dort an, wo er hin will. Das Dorotheum hat ordentlich verdient, und die Mitbietenden haben ihre ­Garagen gefüllt: Von 213 Geräten haben 207 einen neuen Besitzer gefunden, eine erstaunliche Erfolgsquote. Der Markt für Alteisen kennt keine Krise.

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