So sieht der aus: der perfekte Allraddrift.
So sieht der aus: der perfekte Allraddrift.
 

Fahrbericht: Porsche 911 turbo auf Eis

Man reitet gerne auf Altbekanntem herum. Früher, besser und so. Deshalb waren wir letztes Jahr auch wenig begeistert, als wir mit dem neuen 911 C4 über das Eis mussten. Zu wenig intuitiv. Zu viel Zwischenfunkerei. Und überhaupt: kein Gegenlenken!

17.03.2014 asphaltfrage

Es war tatsächlich schwierig. Der quasi natürlich angeborene Reflex das Steuer in die Gegenrichtung zu reißen, wenn das feiste Heck erst einmal hinaushängt – nichtig, unnötig, überflüssig.

Stattdessen den Stiefel reinhalten und das Lenkradl geradeaus.

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Der Instruktor konnte das, eh klar. Nur wir, die Fahrschüler, blickten etwas gar ratlos drein. Doch dann stand da ja noch dieser unschuldig weiße Carrera 2 in der Box. Zu allem Überfluss bis an die Zähne mit messerscharfen Spikes bewaffnet. Plötzlich ging alles wieder ganz leicht. Die Reflexe, der Elfer und Du. Es war wie im Himmel. Nur etwas weniger Ambrosia.

Und doch. Die Stuttgarter wollten es nicht auf sich sitzen lassen. Die Techniker, die Ingenieure, alle haben sie mir seitdem die Technik des PTMs noch einmal genau erklärt. Dass das mit dem Driften sehr wohl geht, wenn ich nicht so ein Krapfen am Lenkrad sei. Man hat mir dann auch den richtigen Lehrer gestellt. Walter, himself, Röhrl. Dazu die schärfste Allrad-Waffe des Hauses diesseits des 918 – den brandneuen Porsche 911 turbo.

520PS, dazu 710Nm im Overboost. Ja, das sollte reichen.

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Auf dem Beifahrersitz wurde die Lektion begonnen. Festgezurrt im gelben Gurt ging es mit dem Meister auf die Strecke. Obwohl auch sein erstes Mal auf dem neuen Trainingsgelände, ließ der Meister freilich nichts anbrennen. Sport-Plus-Modus, manuelle Schaltgasse, Gröhl-Auspuff und PSM-off. Alle vier Tasten auf einmal gedrückt. Und in einer beiläufigen Selbstverständlichkeit, dass einem recht schnell klar wird: so macht er das bei jedem Start.

Weil das ja klar ist. Der erste Gang hat kaum Zeit aus der Box auszulaufen, da steht das erste Mal der volle Ladedruck an. Die Spikes gehen durch, fast meint man die Hinterachse falle aus dem Auto und schon drischt der Biturbo hart in den Begrenzer. Zweiter Gang. Keine Zeit zum Durchatmen, da zugkraftunterbrechungsfreier (Wahnsinn, welch’ tolles Wort!) Wellenwechsel. Dank präzise abgestufter Gänge landet man direkt wieder in der fetten Drehzahlmitte. Die Spikes ringen immer noch um Haftung, doch die 710Nm behalten die Kontrolle.

Der Tacho hat sich damit abgefunden und rechnet brav die Geschwindigkeit der durchdrehenden Räder. 180, 195, 210. Mittlerweile ist die vierte Stufe ausgedreht und die erste Kurve in Sicht. Die eigene Panikschaltung im Stammhirn stünde schon seit geraumer Zeit auf der Bremse, nicht aber Walter. Bremse? Das ist doch alles ein Kinderspiel hier. Die Elektronik regelt schließlich alles.

Sagt es, zupft den turbo an und lässt ihn ganz lässig durch die Links gröhlen. Lenkradeingaben macht er dabei kaum. Zumindest dann nicht, wenn er auf dem Gas steht.

Selbstredend: dort steht er meistens.

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Weil der Elfer dann weiß: der Lenker hat es unter Kontrolle. Gegenlenken ist für den PTM-Allrad gleichbedeutend mit Hilflosigkeit. Dann wird Moment verteilt und aus der Patsche geholfen. Wer die Ruhe weg hat, der deutet nur zart die Richtung an und malt die Kurve mit dem Gas aus.

Die zarte Frage, was unter diesen Bedingungen mit einem Carrera 2 auszurichten wäre, bleibt mit hochgezogener Augenbraue quasi unkommentiert. Auch die Frage, was mit seinen alten quattro-Tieren möglich gewesen wäre, bringt erstaunliches zu Tage: „mit dem Audi, mein Freund, hätten wir jetzt ein großes Problem.“

Nur geradeaus seien die Biester gefahren. Der Allrad dort zwar ein Segen, in engen Ecken aber ein Drama. Heute ist alles anders. Heute kann das neue Porsche-System alles. Im Schubbetrieb stört nix, meist wird sowieso die ganze Kraft nach hinten verteilt und wenn es brenzlig wird – und nur dann – darf die Vorderachse Dich rausschaufeln.

Wenn man sich einmal darauf eingeschossen hat, geht alles. Egal wie schnell die Kurve angefahren wird, egal wie glatt oder griffig es ist: der turbo macht das schon. Radius zu eng, Radius zu weit? Einfach kurz die Richtung angezeigt und tüchtig das Drehmoment freigeben. Er wird sich auf Deine Linie wühlen. Immer.

Es ist ein Traum. Und tatsächlich das erste Mal, dass wir den Carrera 2 in der Box stehen lassen.

  • Marcus

    Ich durfte es voriges Jahr erleben, einmal im Rahmen eines Porsche Eis- und Schneetraining Herrn Röhrls Beifahrer zu sein. Ich kann nur sagen: gewaltig! Diese Legende mit mittlerweile 67 Jahren agiert so ruhig am Steuer, und ist dabei soweit jenseits der Grenzen unterwegs, die für uns normale Fahrer den sicheren Abflug bedeuten würden. Wohlgemerkt: Diese Fahrt fand auf normalen Winterreifen statt, und natürlich nicht mit Tempo 200. Aber Tempo 60 – 80 auf einem (abgesperrten) kurvigen Waldweg, links der Fels, rechts der Abhang, auf BLANKEM Eis. Die Strecke hat es Herrn Röhrl aber noch erlaubt, sich während der Fahrt ganz normal mit mir zu unterhalten … genial!

    • m.lang9872

      Hinzufügen darf ich zum Kommentar von Marcus (Ich hab die gleiche Veranstaltung besucht) dass es durch die oftmaligen Fahrten sich durchgehend um reines Eis handelte. Wie bereits gesagt mit normalen Winterreifen und bei meiner Fahrt sah ich einige Male die 110 Km/h aufblitzen am Tacho. Der Walter hat sogar einige Zeit meiner Fahrt dazu genutzt die Menü Einstellungen im Bordcomputer umzustellen da der vorige Fahrer es nicht so gelassen hat wie er es bei seinen Fahrten haben möchte. Als wir so diskutierten und ich ihm Fragen stellte-eh klar während der Fahrt(er fühlte sich wohl etwas unterfordert :-P )erfuhr ich dass er jede Runde mit stoppt und sich immer noch ärgert wenn eine Kurve nicht so klappt wie er es als perfekt sieht(an dem Wochenende fuhr er diese Strecke 200x!! und der Carrera4 sah noch genau so aus wie am Anfang, also mit Spaß fahren in der Pension ist noch lange nichts.
      wahnsinns Erlebnis!

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