Aston Martin V12 Vantage S
"So verzieh ich ihr den Tornister mit Chanel-­Tagescreme, der ihr beinahe aus der Hand ­gerutscht wäre.­"
 

Alles andere ist primär: Aston Martin V12 Vantage S

Jeder englische Wagen, der auf sich hält, ist grün. So auch dieser. Aber – ähem – dieser Aston Martin interpretiert das Understatement doch überraschend anders.

31.08.2014 Autorevue Magazin

Diese Aston-Martin-Geschichte beginnt mit einem Opel und mit einer Ente. Sie erfordert also eine runde Geschmacks­palette und ein gutes Langzeitgedächtnis. Darüber hinaus kann die Freude am gelegent­lichen Besuch des Wurstel­praters oder – noch besser – eines ländlichen Kirtags zum Verständnis beitragen, eine Grundkenntnis von Kolonialgeschichte ebenso. Davon ­abgesehen ist die Story sehr einfach. Denn eigentlich dreht es sich hier um den Aston Martin V12 Vantage S, das mit 330 km/h schnellste Serien­modell des britisch-kuwaitischen (dazu später) Sport­wagenherstellers (der über 350 km/h schnelle One-77 ist ausverkauft, war ohnehin nur eine Sonderedition). Um mit Hans Krankl zu sprechen: Da ist alles andere primär.

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Headbanging im V12 Vantage S

Und da hat unser für seinen Satz vielfach verlachter Fuß­baller wirklich Recht. Bei diesem Auto geht es nicht ­darum, dass es mit 573 PS aus dem Zwölfzylinder nochmal um 56 Pferdestärken mehr und eine halbe Sekunde auf 100 ­weniger ­rauszieht als das S-lose Grund­modell. Auch die Carbon-Kardanwelle, die ihm laut Prospekt eingesetzt wurde, bleibt Eingeweide und damit den ­Mechanikerchirurgen mit ihren Arthroskopieinstrumenten zur Klimaxbeschleunigung vorbehalten. Selbst das heftige Headbanging von Fahrer und Beifahrer, das im Auto­matikmodus des nur dem S spendierten automatisierten 7-Gang-Getriebes unvermeidlich ist, bleibt eine schmerz­hafte ­Nebensache (und jeder Chiropraktiker kann die ­Auswirkungen auf Nacken­muskulatur und ­Wirbel in zehn 50-Minuten-Sessions ­vertreiben). Nein. Bei diesem Sportwagen steht nicht das Auto als Maschine im Zentrum. Vielmehr werden hier die Auswirkungen auf ­Insassen und Umgebung zum Grund seines Seins. Dieses Auto ist nicht, weil es fährt, sondern es fährt, weil es ist.

Aber der Reihe nach.

Weil es so gut klang aber gleich noch einmal ein „Sein“: In den eineinhalb Jahren unseres gemeinsamen Seins durfte ich meine Freundin mit drei Testfahrzeugen der Autorevue durch das Land schieben. Der Range Rover Evoque, der uns 2013 über den Arlberg nach Zürs brachte, fiel in die Anfangsaufgeregtheit unserer ­Gemeinsamkeiten. So verzieh ich ihr den Tornister mit ­Chanel-Tagescreme, der ihr beinahe aus der Hand und ­zufällig in Richtung meiner Stirn gerutscht wäre; und sie verzieh mir jene – nennen wir es tapfer so Alltagstauglichkeit unseres Gefährts, die vor allem aus einer der Karosseriespannung nicht letztgültig ­adäquaten Motorisierung ­bestand. Ein Männerauto für richtige Frauen, so verorte ich den Evoque (und werde mir dennoch einen suchen, sollte die Liebe zu meinem Renault Avantime ­eines Tages erlöschen).

Jetzt aber Opel!

Die nächste größere Ausfahrt mit Leihdroschke fand im April dieses Jahres statt. Wiederum über den Arlberg. Dieses Mal mit einem Opel Insignia OPC „Entdecken Sie unseren stärksten Sportwagen.“ Mit diesem Satz wirbt das Unternehmen für das Modell, und der sagt alles. Die „Stärke“: Allrad, fette 325 PS, bei 250 km/h abgeregelt (die „Unlimited“-Variante rennt sogar 265). „Unser Sportwagen“: die Karosserie mit einem grunddeutschen Ernst behaftet für eine wohl ebensolche Klientel, für mich haarscharf nicht, meine italiengeschädigte Freundin gar nicht: Sie rächte sich, indem sie den Insignia einer größeren Anzahl von ­Blicken würdigte als mich, ­freilich herablassenden (und Chanel im Koffer beließ).

Wir nähern uns in angemessenem Tempo dem Vantage.

Nadja Bernhard (ja, jene) und ich fuhren ihn ins Salzkammergut und nicht über die Pass­straße. Daher noch eine kurze Detour, andernfalls bliebe nämlich die Ente auf der Strecke. Der Umweg wird uns freilich über zwei kurze Zwischenstopps elegant zum Ziel führen. Mein  erstes Auto war ein Citroën 2CV in Froschgrün. Er brachte mich im Winter 1983 mit Sommerreifen über den Arlberg. Ein Satz Winterreifen war mir zu teuer und die Tunnelmaut auch. Mit den scheibenschmalen Gummis auf den angetriebenen Vorderrädern stellte das jedoch kein Problem dar, zumal man ja beim Pendeln an den meterhohen Schneewänden wie in einer Bobbahn Anlehnung finden konnte.

Aston Martin V12 Vantage S

Glauben Sie mir an dieser Stelle bitte, dass die folgenden Gedanken nicht zur Rhythmisierung der Geschichte erfunden wurden: In vielen Beschreibungen von Straßenfahrzeugen spielt das Blinkergeräusch eine Rolle. Bis zu der folgenden Episode hatte ich angenommen, dass dies geschieht, um dem durchschnittlichen Leser einen persönlich erfahrbaren, Vertrauen einflößenden Zugang zum Testobjekt zu ermöglichen. Nun aber bin ich überzeugt, dass jenes Klicken bei jedem Menschen einen Trigger darstellt, der ihm ­erlaubt, per Zeitmaschine zu reisen –  direkt in ein anderes Auto, in dem er irgendwann einmal gesessen ist. Bei mir war das so: Als ich den Blinker des Aston Martin noch in Wien an einer Kreuzung betätigte, hörte ich plötzlich das Geräusch, das der Blinker jener Ente vor drei Jahrzehnten von sich gegeben hatte: ein ­trockenes Klack-Klack, nicht metallisch-teuer, nicht von ­einem Synthesizer künstlich erzeugt, sondern wie billiges Plastik, das auf billiges Plastik schlägt. Ente an Ente, Aston an Aston, studentische Armut an Überfluss, Jugend an Alter. Ich berichtete meiner Freundin von diesem Zeitsprung, aber sie war natürlich zu jung (und von einem Alfa Mito ­verwöhnt), um meine Gefühle zu teilen.

Verstehen Sie mich nicht falsch!

Dieser Aston Martin ist kein Auto, das unter Gruppendruck fehlgeleitet unpassende Teile anderer Modelle verar­beitet. (Die Konzerngruppe existiert nicht, sonst gäbe es ja vielleicht eine bessere Schaltung.) Aber er kann eben ­Gefühle erzeugen, erlaubt Zeitsprünge, macht Fantasie frei. Mehr noch als mit akustischen Signalen, wie der Ermahnung an nicht rückgestellte Abbiegebirnchen, befeuert er natürlich mit Optik Assoziationen. ­Unser Fahrzeug kam in einem heftigen Grünmetallic, dessen Grundfarbe jener meiner Ente entsprach, bei dem die Glitzerteile aber an ein Autodrom im Wiener Prater erinnerten, also eigentlich an ein von vielen Halbstarken geschundenes Wägelchen eines morastigen Rummelplatzes auf dem tiefen Land: Die eingemischten ­Metallstückchen wirkten dreimillimetergroß hingehobelt, nicht auf Staubgröße gemahlen wie bei all den Chauffeur-­Limousinen. Lilametallic wäre da übrigens auch eine sehr schöne Farbe.

Aston Martin V12 Vantage S british racing green 2014 heckleuchten hinten seite

Apropos Hobel:

Vier salathobelartige Lüftungsöffnungen, zwei große und zwei ­gequetschte, finden sich beim Vantage S in der Mitte der ­Motorhaube. Sie erklären ­jedem, der es nicht schon aufgrund der Lackierung wahr­haben wollte: Ich bin anders als meine noblen Brüder, die ihr aus den James-Bond-Streifen kennt. Ich bin der wahre Kern jedes Engländers. Ich bin die bunten Kniestrümpfe, die der Lord zum Savile-Row-­Nadelstreif trägt. Ich bin die außergewöhnliche sexuelle Praxis, welcher der langweilige Londoner Banker nächtens nachgeht. Ich bin das royale Arschgeweih, das ihr mit euren teuren Hintern lenkend über die Sandwege eurer Lände­reien werfen könnt. Und auch das noch: Ihr Briten habt uns an euren längst verlorenen ­Außenposten Kuwait verkauft. Jetzt zeigen wir unseren ehemaligen Schutzherren die ­Abgründe ihrer Seele (mit ­einem deutschen CEO als Draufgabe).

Ich fuhr mit Nadja an den Traunsee.

Gleich zwei Mal querten wir vom Attersee durch das Weißenbachtal zur Traun. Die Straße wäre nix für einen flachen, breiten Lambo, ist aber ideal für den kompakten Vantage. Wir waren auch im Gelände: Dort entsorgte ich einen Schuh, der ein Hunds­trümmerl geküsst hatte, um das Velours zu schonen.

Die Fensterheber sind übrigens gegenläufig. Wenn man sie runterschiebt, geht die Scheibe hoch. Da ist vielleicht ein Echo von englischer ­Exzentrik. Jedenfalls macht es das Öffnen-Hinauswinken-Schließen komplizierter. Denn dieses Auto wird gerne von ­anderen gegrüßt – trotz Farbe, vier Salathobeln und einem Frankfurter Kennzeichen. n

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