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Vorstellung: Alfa Romeo 8C Spider

Nach dem Competizione nun der Spider – wieder nur 500 Stück, wieder maßlos in Preis, Leistung und jeglichem Verhältnis.

01.09.2009 Autorevue Magazin

Man kann böse sein und trotzdem freundlich dreinschauen. 8C, Otto Tschi ausgesprochen, ist dauerböse. Überhaupt, wenn man ihm ans Gaspedal gerät. Wir haben jetzt eine genaue Vorstellung davon, wie das geklungen haben muss, wenn man in seligen Steinzeiten den Säbelzahntiger

in geräumig-hallender Höhle irrtümlich aus dem Winterschlaf geweckt hat, durch Drüberstolpern zum Beispiel.

Wir reden vom waghalsigsten Alfa seit Jahrzehnten. 450 PS aus acht Zylindern, Null auf Hundert in 4,5 Sekunden, Höchstgeschwindigkeit 292 km/h, Preis: 252.000 Euro. Motor vorne, Getriebe an der Hinterachse, angestrebte Gewichtsverteilung also halbe-halbe, offenbar auch erreicht. Großzügiger Einsatz von Kohlefaser für das Racingbrauchtum. Fahrwerk und Sitze hart wie Holz (nicht Eiche). Gegner auf der Straße: Lamborghini Gallardo und Ferrari F 430 und 911 Turbo.

Dreht aber den Startschlüssel (kein Knopf, danke!) und lauscht den Tönen! Das klingt besser als bei den anderen. Hier wurde großes, schlecht gelauntes Musiktheater komponiert, wirklich laut – nämlich wirklich laut. Bis in die Häuser hinein. Zerbrechlichen Gemütern und Bewohnern ruhiger Villenvororte wird das peinlich sein. Sie werden rumorende Gewitter abwarten, in deren Deckung sie losfahren können.

In Bewegung zieht der Motor alle Register: Spotzt und kracht freigiebig, beim Runterschalten gesellt sich noch dieses Blubbern dazu und vermischt sich mit dem grundierenden Röhren zu einer komplizierten Symphonie glücklichen Wahnsinns.

Der Alfa Romeo 8C Spider ist nun die dachlose Version des 8C Competizione. Das Coupé, ebenfalls auf 500 Stück limitiert, ist bereits ausverkauft. Vom Spider waren zu Redaktionsschluss noch nicht alle vergeben, vielleicht schleppt sich das wegen dem, was wir hier nicht mehr aussprechen wollen. Eigentlich sollten bei so einer Aktion ja alle Autos innerhalb von Minuten ung’schauter weg sein wie AC/DC-Karten. Das Kontingent ist nach Ländern aufgeteilt. Die Schweiz bekommt 46 Spider, die USA 35. Den Landsleuten gönnt Alfa 75 Stück, 100 gehen nach Deutschland und 15 nach Österreich („Ein bis zwei sind noch zu haben“, hieß es Anfang August seitens des Österreich-Importeurs). Man sagt, die meisten Spider werden sofort nach dem Kauf in gut gesicherten Garagen verschwinden, weil sie sogenannte Kultobjekte sind. Das kann dann aber zu schweren psychischen Schäden führen. Wie wenn einer dauernd Fotos von Wienerschnitzeln anschaut, aber nie eines isst. Auf sexuellem Gebiet, welches dem Gegenstand unserer Betrachtung sogar noch näher liegt als das Schnitzel, ließen sich ebenfalls Beispiele anführen.

Man versäumt also was.

Wir erlebten den Vollzug auf dem großen Testgelände von Balocco bei Mailand. Alfa Romeo hat dort zwei Spider freigelassen, sicherheitshalber unter Aufsicht von Testfahrern am Beifahrersitz. Während der Fahrt machen sie eifrig
auf die Vorzüge des Autos aufmerksam: „Can you hear sis bubbling?“ Ist nicht zu überhören. Und yes, I cannot feel se wind.

Das sequenzielle Sechsganggetriebe wird über Lenkrad-Paddles bedient. Automatikmodus kann man vergessen, denn zwischen den Gängen überlegt das Getriebe quälend lange, was es als Nächstes tun soll. Man sitzt dann im Auto wie ein Japaner beim Grüßgottsagen. Smooth ist hier aber sowieso nichts. Raufschalten generiert jedesmal einen harten Ruck.

Wurscht. Es geht ums Kurvenanbremsen (Karbon-Keramik vorne und hinten), schnell durch und am Ausgang voll die Schweinung. Alfa hat es so hingekriegt, dass sich der Spider bei zu viel Querbeschleunigung seitlich ein bissl versetzt, trotz Stabilitätsprogramm VDC. Nett gelungene Spielerei. Übersteuern ließe sich durch Ausschalten von VDC ebenfalls schön kontrolliert hinkriegen, denn der Schwerpunkt des Autos ist ziemlich genau in der Mitte, aber das mögen die Alfaleute hier nicht so, da sind sie heikel.

Zuschalten muss man dringend den Sport-Modus: Er bewirkt schnellere Schaltvorgänge und höheres Drehen des Motors (der dabei, und darum geht’s ja, lauter wird). Das Fahrwerk ist nicht elektronisch geregelt und in seiner Charakteristik unveränderlich – immer hart. Zu hart für einen Wochenendausflug nach Monte Carlo, es sei denn, man ist Seifenkistlfahrer von Beruf oder völlig abgestumpft gegen Leid. Sowieso die weiten Strecken: Alfa hat dem Spider einen 80-Liter-Tank eingebaut und vermeldet einen Durchschnittsverbrauch von 16 Litern. Aber das können sie ihrer Großmutter erzählen. Wir würden mal schätzen: 22 Liter (mit vom elektrischen Stuhl bedrohter Fahrweise, eine andere gibt’s eh nicht).

An anderer Front wurde hingegen ein großer Sieg errungen: Es zieht im offenen Auto nicht, selbst bei 180 km/h. Erst ab 200 kommt gröberes Fächeln auf. Man sitzt tief und geborgen in der Höhlung, provoziert die Grenzen der Physik und mag in erholsamen Geradeauslaufpausen auf einen der schicken Kippschalter auf der Alukulisse tippen, aus reiner Lust an schöner Technik.

Der 8C ist der erste Alfa-Achtzylinder seit dem Montreal, wobei im aktuellen Fall der Motor natürlich aus dem umfassenden Konzernprogramm stammt und auch in Ferrari und Maserati Dienst tut. Überhaupt basiert der 8C technisch auf dem Maserati Gran Turismo (es ist bei allem Sparen wohl selbstzerstörerisch genug, ein neues Auto zu entwickeln und dann nur 500 Einheiten davon zu verkaufen, wie teuer es auch immer sein mag).

Der Name 8C lässt eine lange Tradition aufklingen: Das waren vor dem Zweiten Weltkrieg die Alfas mit (Reihen-)Achtzylindern, die den Ruf der Marke anlegten. Von 1931 bis 1934 wurde Le Mans in Serie gewonnen. Der 8C 2900 holte von 1935 bis 1938 die Mille Miglia. Competizione und Spider sind mit ihren V8-Motoren eine Fortsetzung der Tradition mit anderen Mitteln.

  • Da kann ich nur Traumauto sagen. Da würd ich jeden Ferrari stehen lassen. Aber ich werd wohl nie in die Verlegenheit kommen diese Entscheidung treffen zu müssen. Schade eigentlich.^^

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