Der Alfa Romeo C52 seitlich
Das Exemplar aus dem Alfa-Museum.
 

Nur Fliegen ist schöner

Alfa Romeo C52 „Disco Volante“. Von echten und falschen fliegenden Untertassen, vom Streit der Mailänder gegen die Turiner und von Disco im Windkanal.

25.09.2013 radical mag

Zwei Jahrzehnte lang hatte Alfa Romeo den Rennsport auf höchster Ebene vielleicht nicht gerade dominiert, aber entscheidend geprägt. 1950/51 gelang mit einer Vorkriegskonstruktion, der so wunderbaren Alfetta, eine Doublette in den ersten beiden Jahren der offiziellen Formel-1-Weltmeisterschaften, doch Ende 1951 zog sich Alfa zurück, überließ das Feld einem gewissen Enzo Ferrari, der viele Jahre für die Mailänder als Rennleiter gewirkt hatte. Ferrari nahm auch gleich viele der besten Mitarbeiter der Rennsportabteilung mit nach Maranello.

Dominanz in Mille Miglia

Doch es gab da ja noch die Mille Miglia, für eine italienische Marke wie Alfa Romeo von ähnlicher Wichtigkeit wie die Formel 1 und die 24 Stunden von Le Mans. Alfa Romeo hatte das seit 1927 durchgeführte Rennen dominiert, zwischen 1928 und 1938 insgesamt 10 Siege einfahren können, auch 1947, bei der ersten Austragung nach dem Krieg, den ersten Rang geschafft. Doch dann kam, eben: Ferrari.

Alfa Romeo C52 schwarzweiß wird verladen
© Bild: Werk

Die Alfa-Abschussrampe, ja rückwärts

Mailand und Turin

Aber Alfa wollte sich nicht einfach so geschlagen geben, obwohl das Geld damals knapp war. Die Mailänder hatten weiterhin einen ausgezeichneten Ruf, und es gab andere italienische Meister ihres Fachs, die mit dem zuweilen etwas gar charismatischen «Commendatore» aus Maranello nicht wollten oder konnten. Und Mailand, das war eine ganz besondere Art von Stolz, es musste etwas geschehen gegen die Emporkömmlinge aus der Emilia Romagna (und gegen Turin sowieso, für immer und ewig). Im Geheimen trafen sich also Carlo Felice Bianchi Anderloni, Chef des Mailänder Meisterdesigners Touring, sein Designer Federico Formenti und als Abgesandter von Alfa Gioacchino Colombo. Colombo hatte seit Mitte der 20er Jahre für Alfa gearbeitet, war mit Vittorio Jano verantwortlich für den legendären P2, hatte in den 30er Jahren (mit Enzo Ferrari als Rennleiter) seine ganz großen Jahre.

Alfa Romeo C52 schwarzweiß seitlich
© Bild: Werk

Sicher gelandet

Colombo-Motor

Er war Ferrari nach dem 2. Weltkrieg nach Maranello gefolgt, konstruierte dort den 1,5-Liter-V12, der als Colombo-Motor in die Geschichte einging und bei Ferrari 15 Jahre lang in den verschiedensten Versionen für Vortrieb sorgte. Doch er wurde sauer, als Aurelio Lampredi den Auftrag erhielt, für Ferrari einen Formel-1-Motor zu entwickeln, und kehrte deshalb nach Mailand zurück. Die beiden F1-Weltmeistertitel 1950/51 verdankte Alfa zu einem großen Teil dem Mann, der nicht nur ein begnadeter Ingenieur, sondern auch ein hervorragender Designer war.

Alfa Romeo C52 motorraum
© Bild: Werk

Der Motorraum

Wer hat´s erfunden?

Touring konnte Alfa etwas bieten, was sonst niemand hatte: die Superleggera-Bauweise, eine besonders leichte und doch erstaunlich stabile Rohrrahmen-Konstruktion. Der weitere Verlauf der Geschichte liegt im Dunkeln. Während Touring der Überzeugung ist, am 1952 vorgestellten Alfa Romeo C52 den größten Anteil zu tragen, behaupten die Geschichtsbücher von Alfa, das Design des Fahrzeugs, das später als «Disco Volante», fliegende Untertasse, berühmt wurde, sei bei Alfa entstanden, in der Verantwortung von Orazio Satta Puliga. Auch die Rolle von Colombo ist nicht ganz klar, denn der wechselte schon Anfang 1953 zu Maserati. 1952 kam aber eine andere Größe zu Alfa, Carlo Chiti, und ihm wird, zumindest von Alfa Romeo, das Verdienst zugeschrieben, den C52 auf die Straße gebracht zu haben. Die Wahrheit, nehmen wir an, liegt wohl wieder einmal irgendwo in der Mitte.

Disco im Windkanal

Sicher ist, dass Touring die C52 baute. Sicher ist auch, dass Modelle des Fahrzeugs im Windkanal getestet wurden, dass Touring einige Änderungen einbringen konnte, um die Seitenwind-Empfindlichkeit des Fahrzeugs zu verbessern. Nicht sicher ist, wie viele «Disco Volante» 1952 entstanden sind. In den Büchern von Alfa Romeo stehen nur zwei Exemplare, doch Touring meint, es seien sechs gewesen. Sicher hingegen ist, dass zwei Stück mit einem kurzen Radstand (2,22 Meter) gebaut und mit einem 1,9-Liter-Vierzylinder, der erstaunliche 158 PS bei 6500/min schaffte, versehen wurden. Dieser Motor stammte aus der 1900er-Baureihe, erhielt aber einen Leichtmetallkopf, auch wurde die Bohrung von 82,5 auf 85 Millimeter vergrößert. Das offene Fahrzeug, nur gerade 735 Kilo schwer,  hatte einen cW-Wert von 0,30 und schaffte eine Höchstgeschwindigkeit von 225 km/h. Bei Rennen eingesetzt wurden die 52er-Exemplare aber nicht.

Alfa Romeo C52 innen lenkrad
© Bild: Werk

Alles was es braucht

Der Disco Volante der keiner war

1953 sollte dann das große Jahr des Alfa Romeo C52 werden. Wurde es aber nicht. Dem Roadster wurde eine Coupé-Version zur Seite gestellt, man baute ihm auch die großen Sechszylinder mit 3,6 Liter Hubraum ein, und man verpflichtete Juan-Manuel Fangio, Consalvo Sanesi und Karl Kling, der im Jahr zuvor für Mercedes die Carrera Panamericana gewonnen hatte, für die Mille Miglia 1953. Doch das Fahrzeug, das dieses starke Team fuhr, war eigentlich kein «Disco Volante» mehr, es gab noch optische Anleihen vorne, auch die Touring-Superleggera-Konstruktion blieb, aber der Wagen, 6C30 genannt, war eine Neukonstruktion. Ein C52 immerhin war noch am Start, pilotiert von Goffredo Zehender, als Co-Pilot saß der dritte Aga Khan im «echten» Disco Volante.

Der Rennverlauf

Anfangs dominierte Sanesi, in Rom war dann Karl Kling vorne, doch es war ja schließlich Tradition bei der Mille Miglia, dass, wer bei Halbzeit in Rom führt, das Ziel in Brescia nicht als erster erreicht. Auf dem Weg nach Florenz übernahm dann Fangio die Führung, hatte auf fast zwei Minuten Vorsprung, doch dann kam doch noch Ferrari, Gianni Marzotto, der schon 1950 gewonnen hatte, war mit seinem 340 MM Vignale in der Po-Ebene deutlich schneller als Fangio und gewann schließlich mit fast drei Minuten Vorsprung. Fangio, heißt es, habe einen Schaden in der Lenkung gehabt, er haben deswegen die Kurven nicht mit voller Geschwindigkeit nehmen können. Eigenartig ist nur, dass es in der Po-Ebene fast keine Kurven mehr gibt, Fangio aber in den Bergen zwischen Rom und Florenz mit Abstand der schnellste war.

I want to believe

Das Alfa-Museum besitzt einen der echten, offenen «Disco Volante» sowie ein Coupé von 1953. Der C52 kam übrigens erst nachträglich zu seinem Namen, wahrscheinlich sogar in den USA («Flying Saucer»), wo in den 50er Jahren eine große UFO-Hysterie herrschte. Die ursprüngliche Bezeichnung, C52, wurde zwar dem Jahrgang der Konstruktion, aber nicht ihrer Schönheit gerecht.

Vielen Dank an die Kollegen von www.radical-mag.com

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  • Aura

    Schön geschrieben und gibt Eindrücke von der Hochblüte der wilden Hunde. Besonders zum schmunzeln regt mich der die Geschichte mit der kaputten Lenkung von Fangio an, denn im Grunde genommen ist es heute nicht viel anders, nur daß diesmal Ferrari sich die Welt schön reden muß. Weiter so und für Nachschub sorgen.

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