24 Stunden Nordring Fuglau 2012
In all der wilden unbedarften Direktheit steckt der Zauber des erschwinglichen Anfangs und damit die Chance, alles richtig zu machen.
 

Rust Never Sleeps

24 Stunden bis zur völligen Schrottreife. O.k., vier finstere Stunden hat uns die Polizei wegen Nächtlicher Ruhestörung erspart.

23.05.2013 Autorevue Magazin

Das nordwestliche Straßendorf Fuglau hat zwei Abbiegungen. Eine führt zum Nord­ring. Auf der anderen befand ich mich versehentlich; sie mündete in einen Feldweg. Kennt Ihr das Bellen von Rehböcken in der Nacht? Es gehört zu den unheimlicheren Klängen des Waldes. Tapfer lauschte ich tiefer hinein. Wer auf dem Lande aufgewachsen ist, hat ein untrügliches Ohr für Autorennen in nachbarlichen Tälern. Ich schloss das Fenster und wendete den ­Wagen.

Das Rennen war seit sechs Stunden im Gange, doch der Anblick war auf Anhieb so vertraut und willkommen wie damals, als ich mein erstes Autocross am sogenannten Totenhauer sah: dieser aufrei­bende Klang gepeinigter Motoren. Das dumpfe Hinpumpern aller möglichen ­Bodengruppen auf Sand und Stein. Der gold­far­bene Staub, der über zerschundenen Karosserieblechen steht wie geweihte Luft. Die blitzenden Reflexe von Glasscheiben im letzten Licht der Abendsonne. Erdfontänen, die unter den gewalkten Gummis durchdrehender Räder hervorgefeuert werden. Ich liebe das, denn in all der wilden unbedarften Direktheit steckt der Zauber des erschwinglichen Anfangs und damit die Chance, alles richtig zu machen.

Viel braucht es nicht, um bei den 24 Stunden von Fuglau dabei zu sein

Nötige Beigaben waren gering an Zahl und Geldeswert. Ab hundert Euro für ein fahrbares Schrottauto bist du dabei, lautete die Ansage der Veranstalter, plus siebzig Euro Nenngeld. Bloß keine Domstreben, Rennfelgen, Carterschutzbleche und so weiter. Gewertet wurden nicht die Runden, sondern der Tachostand, bitte von den Teams selbst regelmäßig auf die große Wand einzutragen. Fairness siegt. Der Rest ist Begeisterung, Teamgeist, Wagenheber und Schweißgerät, ein paar Arbeitshandschuhe und eine gewisse Gelassenheit, mit der man ein auf 24 Stunden getaktetes Rennen angehen sollte.

Zum Beispiel sollte man nicht beim Le-Mans-Start lossprinten, nur weil jemand (und wir wissen, wer es war) durch den Haberkorn-Trichter „LOS!“ gerufen hat. Ergebnis: Das halbe Starterfeld rannte los, die anderen konnten durch den Verkehr nicht mehr zu ihren Autos.

„Nach einer halben Runde“, so erklärt mir Christoph Jordan die ersten vier Stunden, „nach einer halben Runde ist der ­Erste ausgerollt. Nach zehn Minuten lag der Erste auf dem Dach. Nach einer halben Stunde hat ein Fiat Bravo gebrannt. Eine halbe Stunde später musste der Führende das hintere Domlager schweißen.“

Zeit, sich ein wenig im Fahrerlager umzuschauen.

Das Westend, die Abteilung des coolen Star-Alliance-Trucks von Lucas Lichtner-Hoyer, und den aufgemotzten ­Cayenne Turbo daneben mied ich. Obwohl, immerhin war er Rennpartner von Karl Wendlinger. Eigentlich rührend, dass er sich hier einfand, bei einer absoluten Low-Key-Veranstaltung. Das Eyecoon-Team daneben hätte seine coolen Lupos besser nicht mit Überrollkäfig, Renn­schalensitzen und weißichwas noch an den Start gebracht. (Ich dachte an eine alte Waldeck-Geschichte, als er vom Slotcar-Racing unter Freunden erzählte und alle bastelten eher unbeholfen herum, um kleine Vorteile der Balance, der Schmierung herauszuholen. Dann kam der dicke Erwin und machte alles kaputt: Sein Vater hatte ihm Moosgummi-Reifen gekauft. Erwins – es gibt sie überall.)

Freude jedoch über den geschätzten Ex-Autorevue-Kollegen Werner Jessner, nun RedBulletin, der mit seinem Team YUGO ALL STARS den unausgesprochenen Sympathie-Award verdiente. Einen Original-Yugo aus Slowenien an den Start zu bringen lag genau auf der Schneide zwischen Chuzpe und Liebenswürdigkeit – der Gesamtauftritt samt weißen Overalls, Pornobrillen, Jugobärtchen und phantasiebegabter Namensgebung (Karel Prasic, ­Milan Gasic, Lego Cevapcic) war unüberbietbar.

Unser Christoph Jordan hatte sich als Last-Minute-Kandidat bei den Disastercars eingefunden, wo unser Fotograf Martin Datzinger das Auto gecheckt hatte: Einen Mazda 323 mit Automatik und Handgas/-bremse. Das hilft, wenn man Rollstuhlfahrer ist, ungemein. Auch die anderen konnten sich nicht über das Automatikgetriebe beklagen, zogen aber nach zaghaften Versuchen am Handhebel, die augenblicklich zur Vollbremsung führten, die Fußbremse vor.

In der Nachbarbox trafen wir Matthias Kaiser, Autorevue-­Racing Rookie 2009 (der, man kann es ruhig verraten, mit seinem Team auch das Rennen gewinnen würde). Überraschungsdritter: Ex-Autorevue-Mann Martin Hartmann, der mit seinem Taxifunk-Dreierteam den dritten Platz auf einem Mazda 323 schaffte. Chapeau!

Noch ein alter Bekannter: Auto Metzker Junior, der ein Team von drei Golfs sponserte und auch den Ventilspiel-Leuten rund um Veranstalter (und spaßhabenden Teilnehmer) Roland David ein Auto von der Halde zukommen hatte lassen. Allerdings schlau gewählt – dieser 323 hielt nur bis zum späten Morgen durch.

Spannung, auch am Streckenrand

Es zog mich immer wieder an den Strecken­rand: Selbst wenn das Rennen nicht den Kitzel des Augenblicks in sich trug, so wurde doch forsch und forscher ­gefahren; es gab selektive Stellen, wo der ­Asphalt in Schotter und der Schotter in ­Asphalt überging. Manche lupften, manche blieben ungerührt. Der 40-PS-Escort hatte angeblich nur mehr den dritten Gang zur Verfügung, beim Yugo-Team war dieser mehr eine Sache der Grundhaltung. Es gab waidwund schlackernde Hinterachsen zu sehen, rauchende Motoren, in den Koffer- oder Motorraum eingefahrene Federbeine, zischende Kühler, geborstene Windschutzscheiben oder aberwitzig wie in Anima­tionsfilmen wegklappende Vorderräder. ­Alles in voller Fahrt. Dann und wann begab sich der diensthabende Range-Rover ins Feld, um vollends Liegengebliebene ins Fahrerlager zu holen. Viel mehr an Intervention war nicht nötig.

Roland David bedankte sich anlässlich der Siegerehrung ausdrücklich dafür, dass in dieser Gelbphase vom Überholen abgesehen worden war. Allgemeines Gelächter wie über einen guten Witz. Doch immerhin waren die gegenseitig zugefügten Schrammen in die Kategorie der Hoppalas einzuordnen – um so schöne Raritäten wie den Käfer oder den Zweier-Escort wurden regelrecht Bögen gefahren.

Nachts um halb zwei kam die Polizei mit den tröstenden Worten: „Um sechs Uhr geht’s dann wieder. Ihr könnts ja ein paar Stunden hinten anhängen.“ Schicksal oder Glücksfall – beklagt hat sich niemand über die fehlenden vier Stunden. Man ­reparierte, schlief, rauchte – Alkohol war ohnehin tabu, man wollte fit sein für einen langen Tag.

Der Morgen sah immerhin noch 23 von 35 Autos in Bewegung. Josef Metzker gab sich enttäuscht: „Wir haben 85 Reifen und ein ganzes Ersatzteillager mitgenommen. Verbraucht haben wir bisher drei Reifen und drei Auspuffe.“ Bald zeichnete sich ab: Es würde solche geben, die tausend und mehr Kilometer geschafft hatten. Und solche, die nicht. Das Team um Martin Datzinger kannte diese Kategorisierung nicht: Der Tacho war als Erstes ausgefallen.

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