MX5_15
 

1989 – Das Jahr

Am großen Rad der Zeit gedreht. Und wir lenkten an den kleinen mit.

01.05.2009 Autorevue Magazin

„Dieses Auto trifft uns tief ins Herz. Es ist eine Erfüllung von Dingen, die wir uns nicht mehr zu formulieren getraut hätten: Offen. Speedy. Fancy. Erschwinglich. Klassisch. Einfach. Tauglich. Positiv. Es ist der Lotus Elan, MGB, Triumph TR4, Austin Sprite, Alfa Spider unserer Sehnsüchte. Und plötzlich kaufbar.“

Daraus, wie enthusiastisch wir im Sommer ’89 den Mazda MX-5 begrüßt haben, lässt sich unsere Ausgehungertheit erkennen nach Einfachem, Unverkorkstem, Offenem.

Die Zeit war im Aufbruch, die Mauer wackelte, bis sie fiel. Gorbatschow war seit vier Jahren an der Macht, der Osten stand knapp vor der politischen Revolution,
die den wirtschaftlichen Zusammenbruch verhindern hätte sollen. Die Reformer versuchten, die Fesseln des Systems zu lösen, ohne es zerfallen zu lassen. Zum ersten Mal gab es Wahlen in der Sowjetgeschichte. In China werden liberale Strömungen brutal bekämpft. In Peking fällt die 27. Armee aus dem Wehrbezirk Nord in den Morgenstunden des 4. Juni über den Platz des Himmlischen Friedens her, Hunderte Studenten, Ärzte, Krankenschwestern sterben im Kugelhagel oder unter Panzern. An diesem Sonntag finden in Polen die ersten freien Wahlen statt. Berlin feiert die erste Love Parade am 1. Juli. Am 9. November des Jahres fällt die Mauer, nachdem es schon etliche Reiseerleichterungen und Schlupflöcher nach dem Westen gegeben hatte. (Schon im Mai waren die Grenzanlagen zwischen Österreich und Ungarn abgebaut worden.) Am 25. Dezember werden schließlich Nicolae Ceaucescu und seine Frau nach einem radikal abgekürzten provisorischen Gerichtsverfahren hingerichtet.

Gerhard Berger erlitt in Imola den schwersten Unfall seiner Karriere, beim Aufprall seines Ferrari an die Begrenzungsmauer brach der Wagen in Flammen aus. Die Rettungsmannschaft ist schnell zur Stelle, löscht das Feuer. Gerhard kommt mit einigen Brüchen glimpflich davon, lässt nur den darauffolgenden GP von Monaco aus. Auto des Jahres wird der Fiat Tipo.

Was ist sonst über den Beginn der neunziger Jahre zu sagen? Wir trugen baggy Jeans, machten vom 3-Tages-Bart Gebrauch und rätselten immer noch, wie New Wave und Postmoderne zusammengehen sollten und wozu überhaupt. Die Autorevue hatte tolle Leserwerte zu verzeichnen, alles ging uns leicht von der Hand. Unsere Lieblingsautos hießen Porsche Carrera 4, Toyota Celica Turbo 4WD oder BMW Z1. Der Diablo scharrte in den Startlöchern. Die Allradisierung des Zivilverkehrs nahm ihren Lauf: Von Alfa Romeo Sportwagon 4×4 über Citroën BX 19, Daihatsu Charade 1300 4WD bis zum Jetta Syncro war alles vierradgetrieben. Am treffendsten fasste Teddy Podgorski das Zeitgeschehen der achtziger Jahre zusammen: „Die Raumfähre Challenger verunglückte, Tschernobyl explodierte, Sacharow kehrte zurück, Rust landete in Moskau, die Russen zogen sich aus Afghanistan zurück, Waldheim kam auf die Watchlist und der Papst nach Österreich. In dieser Zeit war mein Auto im Service.“ So begann er in Autorevue 1/89 seine nachlesenswerte Leidensgeschichte mit dem wunderbaren
XK 150S.

Mehr zum Thema
pixel