Khomeini
 

1979 – Das Jahr

Alles wie immer. In einem Land kommen die Bärtigen an die Macht, in einem anderen ­werden sie vertrieben, und die Tschechen beleidigen uns wieder einmal fürchterlich.

01.08.2009 Autorevue Magazin

Das Jahr beginnt mit einem Paukenschlag: Am 1. Februar wird der österreichische Außenminister Willibald Pahr in Straßburg, wo er beim Ministerrat weilt, um Mitternacht von zwei Männern überfallen und ausgeraubt. Ja, so was ist in den Siebzigern noch möglich.

Dass dieser Fall von der Weltpresse kaum aufgegriffen wird, liegt daran, dass am selben Tag Ayatollah Khomeini nach 15 Jahren Exil in Paris nach Teheran zurückkehrt. Zehn Tage später fällt die iranische Regierung. Was heute Islamische Revolution heißt und noch nicht zu Ende ist, beginnt schon ein Jahr vorher und wird ortsüblich abgewickelt: mit viel Geschrei, brennenden Puppen und Flaggen sowie echten Toten. Der Schah Reza Pahlavi versucht, sich durch Anziehen der traditionell engen Daumenschrauben an der Macht zu halten, stellt in Interviews mit ausländischen Journalisten in elegantestem Französisch außerdem Reformen in Aussicht, was ihm zu Recht keiner abnimmt.

Am 16. Jänner, zwei Wochen bevor der Ayatollah kommt, verlässt er Teheran und begibt sich – immerhin mit den stilvollen Worten: „Ich bin müde und brauche eine Pause“ – auf die letzte Reise seines unseligen Lebens. Im Oktober will er in New York seine Krebserkrankung behandeln lassen. Das nehmen die Mullahs persönlich. Als Antwort besetzen radikale Studenten die US-Botschaft in Teheran und nehmen mehr als 50 Geiseln, was US-Präsident Jimmy Carter im Jahr darauf die Möglichkeit geben wird, sich bei einer missglückten Befreiungsaktion lächerlich zu machen. Am 1. April ruft Khomeini die Islamische Republik Iran von streng antiamerikanischer Observanz aus, in der, vielleicht hat das auch mit dem Datum zu tun, vermutlich mehr Adoranten amerikanischen Lebensstils leben als in jedem anderen Land der Welt.

Der Konflikt, der hier angelegt ist, beschäftigt uns heute ebenso noch wie jener, der gegen Ende des Jahres sozusagen frisch gezündet wird: Am 27. Dezember beginnt die sowjetische Invasion Afghanistans.

Es ist nicht alles schlecht in diesem Jahr. Im Juni etwa wird in der Wiener Hofburg das SALTII-Abkommen zur Eindämmung der strategischen Rüstung unterzeichnet. Der Staatsakt hat für Jimmy Carter den unangenehmen Beigeschmack, dass er aus diesem Anlass den sowjetischen Staats- und Parteichef Leonid Breschnew sowohl umarmen wie küssen muss. Insgesamt keine gute Zeit für den ehemaligen Erdnussfarmer.

Im August wird die UNO-City in Wien eröffnet (die Baukosten waren um fast eine Milliarde Schilling geringer (!) als veranschlagt). Wien wird damit neben New York und Genf dritte UNO-Stadt und kriegt endlich einen internationalen Touch.

Während dank Iran der Islam international ein wenig an Sympathie verliert, wird in Wien die erste Moschee Österreichs eröffnet und gewinnt der Wiesenthal-Jäger Bruno Kreisky abermals eine Wahl. Andererseits pariert der sich am Höhepunkt seiner Macht befindliche Kanzler eine Ungeheuerlichkeit der tschechoslowakischen Botschaft mit dem Wort „ungeheuerlich“. Die Tschechen haben die österreichische Kritik am Einreiseverbot für Pavel Kohout mit einer Klarstellung quittiert, dahingehend, dass Österreich die Freundschaft der Tschechoslowakei und überhaupt die Tschechoslowakei dringender brauche als umgekehrt. Es ist eine Zeit, in der man noch Klartext redet.

Und in der die NASA noch Geld ausgibt. Die längste Reise eines von Menschenhand gemachten Objekts führt an einem wichtigen Zwischenziel vorüber: Raumsonde Voyager I passiert am 5. März den Jupiter und macht hinreißende Fotos. Ins Kino kommen „Moonraker“ mit Roger Moore und der erste „Star Trek“-Film, Regie führt, wer möchte das glauben, der große Robert Wise. Voyager I ist wie ihre Schwester Voyager II übrigens noch immer unterwegs: 16 Millionen Kilometer ist sie schon von der Erde entfernt, und bis 2025 wird sie noch Signale senden, mutterseelenalleine im riesigen All. Die Islamische Revolution wird dann schon Geschichte sein.

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