cartoon3
Der weithin unbekannte Manfred Deix schuf die Seite-1-Cartoons der Auto­revue während der Krise. Der Künstler hatte einiges aufzuarbeiten.
 

1974 – Das Jahr: Als Feisal kam

Auf einmal war alles anders. Ein paar unlockere Scheichs drehten den Ölhahn zu, und wir mussten lernen, mit Tempolimits, autofreien Tagen und einem possierlichen Tierchen zu leben. Wir rächten uns mit dubiosem Haupthaar und LSD-Tapeten.

01.03.2009 Autorevue Magazin

In Israel schrieb man den 10. Tischri 5734 (was aus der jüdischen Zeitrechnung übersetzt dem 6. Oktober 1973 entspricht), als Syrien und Ägypten den 4. Israelisch-Arabischen Krieg vom Zaun brachen. Die Israelis waren nur kurz überrascht und warfen die Invasoren binnen weniger Tage hinter die Ausgangsstellungen zurück – was den arabischen Brüdern in Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Kuwait wenig schmeckte. Kurzerhand drosselten die Scheichs die Erdölproduktion, um Jerusalems westliche Verbündete zur Räson zu bringen. Die Konsequenz: der Preis pro Barrel Rohöl schnalzte von drei Dollar auf über fünf Dollar. Der rückblickend betrachtet ziemlich lächerliche Preis bedeutete damals immerhin einen Anstieg von 70 Prozent, der in den notorisch von fossilen Rohstoffen abhängigen europäischen Industrienationen prompt die letzten Reste des Wirtschaftswunders einäscherte.

Leicht aufgeschreckt versuchte die Politik gegenzusteuern und setzte auf unfassbare Geschwindigkeitslimits (ab November ’73 galt Tempo 100 auf Bundesstraßen und Autobahnen) sowie einen autofreien Tag, der ab 14. Jänner 1974 jedem Pkw-Halter verordnet wurde. Ein dementsprechendes Pickerl in der Windschutzscheibe signalisierte, an welchem Tag das Auto zu stehen hatte. Erstaunlicherweise wurde extrem gern der Sonntag gewählt, was den Gesamtspritverbrauch naturgemäß nur wenig dämpfen konnte. Zudem machte Not erfinderisch: Da die Benzinabgabe in Kanistern verboten war, zuzelte manch smarter Autobesitzer daheim in der Garage den Tank leer und legte ein heimliches Kanisterdepot an. Sehr schlau.

Elegant reagierte hingegen die Autorevue und verstärkte sich Anfang 1974 mit einer Redaktions-Schildkröte namens Feisal. Das liebreizende Tierchen sollte das Verständnis für Wüstensöhne schärfen und ein Gefühl für die neue Langsamkeit vermitteln. Ein Bild von Feisal wurde fortan jedem Bericht über die Auswirkungen des Öl-Embargos zur Seite gestellt. Das Maskottchen zur Krise, sozusagen. (Feisal ist übereinstimmenden Quellen zufolge Mitte der 90er wohlbestallt und glücklich entschlafen.)

Im April 1974 entschlief hingegen Bundespräsident Franz Jonas, sein Nachfolger Rudolf Kirchschläger sollte bis 1986 als gestrenger Posterboy die österreichischen Klassenzimmer prägen.

Draußen in der Welt, speziell in den USA, trat Präsident Richard Nixon zurück. Dem Mann mit dem füchsischen Grinsen wurde im August der Watergate-Skandal endgültig zum Verhängnis. Im November enterte hingegen ein Dreitagebart die große politische Bühne, der ein – sagen wir – eher ambivalentes Erbe hinterlassen sollte: Yassir Arafat. Der Führer der Palästinenser-Partei PLO sorgte während der UNO-Vollversammlung in New York für einen denkwürdigen Auftritt, bei dem er nebst Uniform auch ein Pistolenholster trug. Seine Rede war dann auch weniger versöhnlich, doch die Sache der Palästinenser war auf der Agenda angekommen.

Gut: Portugal entledigte sich im Zuge der Nelken-Revolution der Diktatur. Nicht so gut: Der österreichische Ökonom Friedrich August von Hayek erhielt den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften. Seine Theorie der absoluten Freiheit der Märkte gab allerlei Hardcore-Kapitalisten (Thatcherismus, Reaganomics) Unterfutter und wurde vor allem von jenen zitiert, die dafür verantwortlich sind, dass wir jetzt dastehen, wie wir dastehen. Nämlich schlecht.

Mehr zum Thema
pixel