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Wände hochgehen. Auch eine Kunst.
 

Die große Sause

Wer hat es erfunden, das Auto? Mercedes. Und zwar vor genau 125 Jahren. Das muss ausgiebigst gefeiert werden. Und alle Welt gratuliert.

01.02.2011 Autorevue Magazin

Und wie sie gratuliert haben, am Samstag, im Mercedes-Museum in Stuttgart. 125! Jahre Automobil. 125! Jahre Mercedes. Das kann doch bitte etwas. Deshalb: Amtliche Rufzeichen! Und eine Party natürlich. Man muss die Feste feiern wie sie fallen.

1400 geladene Gäste. Knapp zwei Stunden Bühnenshow. Ansprachen. Eine Artistentruppe geht die Wände hoch. Ein 15jähriger spielt Liszt (auch so ein Jubilar!). Und Clint Eastwood grüßt per Filmbotschaft, ebenso Jay Leno, die allgegenwärtige Sarah ”Sex in the City“ Parker, Lionel Richie (singend) und Karl Lagerfeld (ja, der da jetzt grad auch Werbung für VW-Sondermodelle macht) – um nur einige der mehr oder weniger VIPigen VIPs zu nennen (der Stahltycoon Lakshmi Mittal war auch dabei; bei allem angesagten Leichtbau: seine langjährigen Weggefährten kann man halt auch nicht so mir nichts dir nichts links liegen lassen.)

Eifrig, sehr eifrig gratulierte auch die Politik. Angela Merkel war der Stargast des Abends, ihre Anwesenheit ein Gradmesser der Wichtigkeit des Unternehmens. Dabei hat Daimler-Boss Zetsche mit der Bundeskanzlerin abseits des Festparketts ja derzeit gar keine so große Freude, weil sie sich spröde zeigt gegenüber seiner Aufforderung, der Elektromobilität per staatlich verteiltem Kaufzuschuss in Deutschland in die Gänge zu verhelfen. Wenn das nicht passiert, sagt Zetsche, könne Deutschland nicht als Leitmarkt der neuen Antriebstechnologie aufgebaut werden.

Davon aber kein Wort an diesem Abend. Auf der Bühne steht eine wohlwollende Bundeskanzlerin, die sich sympathisch gibt, abschätzend, lobend, aber auch zart tadelnd, etwa was die Frauenquote im Daimler-Konzern anlangt. Es müsse ja nicht gleich eine Frau an der Spitze sein, sagt sie, aber sonst könne man sich schon mehr um eine stärkere weibliche Präsenz im Unternehmen bemühen. Uh, die Gender-Debatte!

Andere sind weniger subtil. Stefan Mappus etwa. Wem die Gesichter der deutschen Landespolitik nicht so geläufig sind, der hätte den CDU-Mann und Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg irrtümlicherweise auch für den Kommunikationschef der Daimler AG halten können. Er spricht von Mercedes als wäre die Firma sein Leben. So viel Lob. Überhaupt: „Das Auto ist ein Botschafter Deutschlands! Unser Kind ist groß geworden, es ist weit herumgekommen und wir haben noch Großes mit ihm vor!“, sagt Mappus. Eh. Und so knapp vor der Wahl kann es nicht schaden, sich seiner Freunde zu vergewissern. (Weil wer regiert? Die, die das Geld haben. Nicht die, die es ausgeben. Soviel auch gleich zum Thema Länderausgleich.)

Und Mercedes erstrahlt ja in neuem Glanz. Sieben Milliarden Euro hat die Daimler AG im letzten Jahr vor Steuern und Zinsen gemacht. Das ist ein Blatzen Geld. Zumal, wenn man bedenkt, was das im unmittelbaren Wechsel zu den 1,5 Milliarden Miesen der 2009er-Bilanz bedeutet. Man strahlt vor neuem Selbstbewusstsein. Und kündigt an: Die goldenen Zeiten, die da kommen. Nicht einfach werden sie, aber groß. Wachsen werde der Weltautomarkt. Und zwar gehörig. Von 60 Millionen PKW im letzten Jahr auf irrwitzige 78 Millionen 2015. Und Mercedes wird seinen Anteil an diesem Wachstum haben.

(Wer hat da gerade etwas von Überproduktion und deren Gefahr gesagt?
Keine Miesmacherein jetzt!
Man muss an das Gute einfach glauben.
Das beweist uns ja die Geschichte.)

Kaiser Wilhelm hat auch nicht an das Automobil geglaubt. Er sah das Pferd für alle Ewigkeit als Krönung der Fortbewegungsgeschichte. Und? Wie er sich geirrt hat!

Dabei interessierte sich in den ersten zwei Jahren, nachdem Carl Benz an diesem historischen 29. Jänner 1886 seinen dreirädrigen Motorwagen in Berlin zum Patent einreichte, kein Mensch für das Auto. Erst als Betha Benz ihre berühmte Erprobungsfahrt von Mannheim nach Pforzheim machte, nahm die Welt zunehmend Notiz von der bahnbrechenden Idee und erste Anfragen tröpfelten ein.

Wie war das mit Mercedes und den Frauen, Frau Merkel? Es gibt sie. Reichlich. Bertha. Immer wieder Bertha. Und dann noch die Benz Urenkelin Jutta, die mit Dieter Zetsche im brandneuen SLK auf die Bühne fährt. Selbstverständlich mit der Dame am Steuer. Das wäre in diesem Zusammenhang gar nicht anders denkbar. Auch stellt man flugs den drei Rennfahrern Schumacher, Rosberg und Coulthard, die jene drei grellgelben B-Klasse-Autos auf die Bühne fahren, mit denen Mercedes die Alltagstauglichkeit des Brennstoffzellen-Antriebs jetzt auf Welttournee schickt (einmal um die Erde in 125! Tagen), auch drei Daimler-Ingenieurinnen zur Seite.

Und noch eine Frau ist da: Die Leiterin des Patent- und Markenamtes, die den über 80.000 Urkunden schweren Patentpool von Daimler um eine weitere Urheberrechtsschrift erweitert. Wobei man sich das Datum deshalb jetzt nicht aus deinem anderen Grund merken muss. Die Erfindung der Bipolaren Rahmenflachzelle wird in 125 Jahren genauso wenig jemand feiern wie den der Magnetzündung. Die hat Bosch erfunden. Und zwar auch vor 125 Jahren. Falls das jemand nicht gewusst haben sollte.

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  • Kapazitätsfreischaufeln, das ist es, genau. Geht beim Redenschreiben leichter als beim Bahnhofbauen. Die Anbiederung war halt nur wirklich peinlich. Bauchfleck vor der Industrie. Nachvollziehbar, aber eben schmerzlich unwürdig (vor allem, wenn man live dabei ist…)

  • Kujau

    Der arme Hr. Mapus.
    Da trägt er schon mit Stuttgart21 seinen eigenen Ruf zu Grabe (gleich neben den neuen Bahnhof) und den seiner Partei gleich mit.
    Muss dann noch die Klage seines Vorgängers gegen den Länderfinanzausgleich mittragen, dabei hat den seine Partei vor Jahren selbst mitbeschlossen (zusammen mit den anderen Geberländern Saarland, Hessen und Bayern) und wird jetzt sogar, auch wenn völlig zu Recht, in Österreich mit feiner Klinge dafür beschimpft, sich der heimischen Wirtschaft anzudienen. Als hätte er eine andere Wahl als sich an den letzten Strohalm zu klammern.
    Er selbst wird das schönreden. Schließlich habe sein Ministerium ja Geld damit gespart, dass man die Rede von Mercedes-Mitarbeitern und nicht von eigenen Arbeitskräften hat schreiben lassen.
    Dadurch wurden Ressourcen frei. Die unterbeschäftigen Mitarbeiter konnten so am Bahnhof schaufeln gehen oder demonstrierende Rentner ungezielt mit Wasserwerfern beschießen.
    GEHT DOCH.
    Pro CDU.
    Aber ob die Grünen, wenn sie in Stuttgart zusammen mit der SPD die Wahlen gewonnen haben, eine ähnlich positive Rede auf das Automobil halte, sei dahingestellt.

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