Autorevue Magazin-Archiv: Ausgabe 09/1991

Ausgabe der Autorevue vom September 1991 mit Cover, Editorial & Impressum

08.04.2013 Autorevue Online-Redaktion

Liebe Leserin, lieber Leser,

ein wunderbarer Roman, vor acht Jahren erschienen, hat mit Recht viele Leser gewonnen. Ich hätte ihm seinerzeit Millionen gegönnt, inzwischen ist zu melden, daß er sie tatsächlich gekriegt hat; und täglich werden es ein paar Tausend mehr. Ohne Sex, ohne Crime, auf den ersten Blick bloß die Geschichte eines englischen Seefahrers, der seit hundertfünfzig Jahren tot ist, ein ganz ruhiges Buch – in Millionenauflage!

Mit dem (tatsächlich faszinierenden) Text allein läßt sich das nicht erklären, denn vor dem Lesen kommt das Kaufen, und daran scheitern normalerweise gerade die besten Bücher. Es muß der Titel sein, der die Menschen elektrisiert, unendlich neugierig macht und mitten in ihre Sehnsüchte zielt:

Die Entdeckung der Langsamkeit.

Von Sten Nadolny.

Sie werden das sicherlich gern in Ruhen noch einmal lesen wollen:

Die Entdeckung der Langsamkeit.

Es ist ein bisserl kokett, zu sagen, daß im August 1991 eine ganze Nation und deren Besucher aufgebrochen sind, um auf Westautobahn und Südosttangente diese Entdeckung zu überprüfen und ihr neues Wahrnehmungstalent zu schärfen, aber irgendwie gehört das schon alles zusammen, das moderne Leben und eine neue tiefe, heiligmäßige Bestimmung: Alles wird wieder langsamer. Bloß die Verknüpfungen sind halt noch ein bisserl zufällig und nicht so heiligmäßigen Ursprungs.

Seit meiner ersten Freundschaft mit Rallye- und Rennfahrern habe ich immer deren Talent zur Langsamkeit an die erste Stelle ihrer Fertigkeiten gestellt: Eine Situation, die auf mich zurast und in meinem Herzen und meinem Hirn bloß Alarm schreit, wird von dem Mann neben mir in eine präzise Abfolge von Bildern zerlegt, und aus seiner – vergleichsweise langsamen – Betrachtung der Dinge schafft er eine Art von Kunstwerk aus Bewegungsabläufen. Wenn der Mann über alle Maßen gut ist, wird uns sein Kunstwerk genauso unerreichbar sein wie das eines großen Malers oder Musikers.

Immer stärker haben wir das Gefühl, daß die Entwicklung der Geschwindigkeit sich selber eingeholt hat, daß der Kreis geschlossen ist und das Langsame das Schnelle besiegt: Das schnellste Auto ist zugleich das langsamste (Ferrari F 40, ausgelegt auf Tempo 320, steht ausschließlich in Garagen). Und wer die Porsche-Werbung (zumindest in Deutschland) gesehen hat, weiß, wo die Super-Schnellen ihr Überleben wittern.

Das offensichtliche Sich-Selbst-Überholen ist eine Geschichte mit offenem Ende, ein kluges Spiel für unsere Intelligenz, ein spannendes Kribbeln für unsere Gefühle. Zu diesem Thema gibt es eine bemerkenswerte Ausstellung in Paris. Sie heißt „La Vitesse“, könnte aber auch das Gegenteil meinen. Peter Pisecker und Fotograf Peter Vann haben sie für die Autorevue besucht: Die Welt gibt Vollgas, ab Seite 82.

 

Herzlichst, Ihr

Herbert Völker

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