Autorevue Magazin-Archiv: Ausgabe 10/1975

Ausgabe der Autorevue vom Oktober 1975 mit Cover, Editorial & Impressum

08.04.2013 Autorevue Online-Redaktion

Essig und Öl

In einer Folge von Artikeln werden in diesem Heft verschiedene Aspekte des zufriedenstellenden sportlichen Abschneidens unseres Kolumnisten Andreas Nikolaus Lauda behandelt. Wenn ein für Österreich sporthistorisches Ereignis nur sehr wenig Schmalz aufgestrichen bekommt, so hat sicherlich der Stil des Hauptakteurs abgefärbt. So reduziert etwa Helmut Zwickl seine Monza-Story auf Technisches und läßt uns mit einem etwas blutleeren Weltmeister allein, der im Moment des größten Triumphs erst einmal an Stoßdämpfer denkt – vergleichbar müßte Columbus beim Anblick Amerikas als ersten Satz zu seinem Offizier gesagt haben: „Nehmen Sie eine Gesteinsprobe!“

Wenn ein Kanzlerkandidat den Spruch von der „kalten Knackwurst mit Brille“ als imagepflegend empfindet, soll das dann heißen, daß die Zeit auch reif ist für einen Automobil-Weltmeister, von dem das Volk nur die „kalte Knackwurst“ sieht, zwar ohne Brille, dafür mit Essig und Öl, – das Öl ist Agip, beim Essig wird noch über den Sponsor verhandelt – ?

Die Fernsehdiskussion mit Staberl und Lauda half ein wenig: Der eine sagte „Zirkus“, der andere sagte „Sport“, beide meinten das gleiche. Irgendwo kreuzt sich der reine Sport des Tourenwagen-Amateurs mit dem Zirkus von 200.000 Übergeschnappten in Monza – und die Leute, die es in der Formel 1 zu was bringen, beherrschen beide Stufenleitern (und erkennen natürlich ganz klar, wo die Kreuzung ist). Sie artikulieren nur unterschiedlich, betonen entweder den Sport (samt Technik) oder den Zirkus stärker. Im Auftreten war Jackie Stewart (mit seinem Charme, mit seiner Gestik, mit seinen Sprüchen, seinem hohen C, seiner Mähne und seinem Auf-dem-Stand-Hüpfen) eine Zirkusprinzessin im Vergleich zu Lauda, doch wer wollte wirklich bezweifeln, daß auch er sich intensiv, ernsthaft und kompetent mit Autos und deren Technik beschäftigt hat? Daneben war er eben halt auch ein Weltmeister im Sprücheklopfen, einer, der im „Playboy“ das Kurvenfahren mit der Liebe verglich, und nicht einmal schlecht.

Ich persönlich finde auch den Lauda-Stil des staubtrockenen Unterspielens amüsant, „Prädikat Wertvoll“ in bezug auf: Der Champion (der zwar kein Vorbild sein will, es dennoch ist) hascht nicht, trinkt nicht, raucht nicht, ist gewaltlos, vögelt nicht wild durch die Gegend und hat es trotzdem zu den höchsten Insignien männlichen Leistungsdenken gebracht. Denn: Gibt’s was Männlicheres, als Formel-1-Weltmeister zu sein?

Mit diesem Stil werden Ansprüche gestellt: Ein an vordergründige Effekte gewöhntes Publikum muß der subtilen Beschäftigung des Meisters mit dem Stabilisator eine Faszination im Sinn von Nuvolari-Pulverdampf abgewinnen – damit ist es zweifellos überfordert, zumindest nach gewisser Zeit. Wie in jedem Sport: An den brillanten „Bienenstichen“ und den tanzenden Beinen des Cassius Clay hat man sich sattgesehen, jetzt hätte man wieder gerne einen, der die Leute fürchterlich in die Goschn haut, sozusagen einen Brambilla.

Man darf ja nicht vergessen, daß es im Grunde ziemlich egal ist, wer auf gegebener Strecke um ein Zehntelchen schneller ums Eck fährt: Ohne seine Zirkus-Effekte wäre jeder Sport auf Fitnesspflege reduziert. Wir alle brauchen das, was Francoise Sagan einmal mit „Ein bißchen Sonne im kalten Wasser“ von einem guten Titel zu einem Roman aufgebauscht hat: Die Faszination in unserem Trott. Einer holt sie stellvertretend für Hunderttausende – auf dieser Ebene treffen einander Bankräuber, Schauspieler, Kissinger, Astronauten und Rennfahrer. Es wäre also „Thema verfehlt“, Niki Lauda allzusehr in die Rolle des Computers zu drängen. Daher haben wir ihn vor der Abfassung seiner ersten Kolumne als Weltmeister gebeten, auch den Menschen Lauda ein bisschen aufzumachen. Da stellte sich raus: Er hat sich eh gefreut.

 

Ihr

Herbert Völker

 

 

INHALTSVERZEICHNIS

 

Tests

Herbert Völker, Bernd Schilling: Renault 30 TS (Seite 14)

Franz Stehno, Bernd Schilling: Opel Ascona 1,9 (Seite 18)

Fahrbericht

Axel Höfer: Jaguar XJ-S (Seite 24)

Axel Höfer: Simca 1307/1308 (Seite 28)

Neue Modelle

Franz Stehno: Opel Kadett GT/E (Seite 30)

Information

Produkte (Seite 2)

Neue Modelle, Wirtschaft, Verkehr, Manager, Technik, Motorräder (Seite 4)

Sport

Gerhard Trost, Rottensteiner, Stirner, Grau: Die Motocross-WM 1975 (Seite 34)
AUTOREVUE-Mittelbild Harry Everts – Motocross-Weltmeister 1975 (Seite 40/41)

Helmut Zwickl, A. H. Rottensteiner: Großer Preis von Italien (Seite 42)

Niki Formel Inside (Seite 48)

Niki Lauda – Der Weg hinauf (Seite 50)

Am Anfang war Jochen (Seite 52)

Herbert Völker, Bishop: Rallye der 1000 Seen (Seite 54)

Internationaler Motorsport (Seite 58)

Der neue Formel-1-Lotus (Seite 60)

Int. Motorsportkalender ’76 (Seite 61)

Nationaler Motorsport (Seite 63)

AUTOREVUE-Kalender (Seite 71)

Leserdienst

Neue Bücher (Seite 62)

Gebrauchtwagenbörse (Seite 78)

Motorradpreise (Seite 79)

Neuwagenpreise (Seite 80)

Autosteuer, Versicherung, Zulassungsstatistik (III. U.)

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