Autorevue Magazin-Archiv: Ausgabe 01/1990

Ausgabe der Autorevue vom Jänner 1990 mit Cover, Editorial & Impressum

08.04.2013 Autorevue Online-Redaktion

Liebe Leserin, lieber Leser,

die Distanz zwischen Erwartung und Erfüllung lässt sich mit zwei Sätzen abstecken:

„I just wonna race motorcycles and screw people.“ (Stephen Bayley).

„Wir zerstören, was wir suchen, indem wir es finden.“ (Hans Magnus Enzensberger).

Wenn man „motorcycles“ durch „motorcars“ ersetzt, dann war der erste Spruch ungefähr das Programm der in Gründung begriffenen Autorevue, obwohl ich das jetzt ungern mit allen Beteiligten im Detail besprechen würde; wir sind mittlerweile subtil geworden.

Und das Enzensberger-Wort hängt wie ein Transparent über der Jubel-Autorevue von heute; sie ist erwachsen, hat Verantwortung und kann nicht Menschen aufgeilen, damit sie wohin düsen, wo immer schneller nix mehr ist.

Im stetigen Wachstum der Autorevue gab es zwei besondere Schübe (richtigen Turbo-Effekt, würden meine Freunde sagen, die mir gern alles in die Autosprache übersetzen, damit ich mir was vorstellen kann). Zuletzt in den vergangenen zwei Jahren, die völlig narrisch waren in der Steigerung von Auflage und Umsätzen. Und davor zur Mitte der siebziger Jahre (dadurch bekamen wir erstmals schwarze Zahlen ins Visier). Eigentlich hätten wir damals eingehen müssen: Man hatte eben die zweite Energiekrise erlebt und wir hockten auf einem angekohlten Ast, an dem das Taferl hing: No Future.

Ich weiß noch nicht genau, was es mir dem jetzigen Schub auf sich hat, aber ich hoffe auf eine ähnliche Begründung wie 15 Jahre zuvor: Wenn Räume und Quantitäten in Frage gestellt sind, besinnt man sich auf qualitative Ressourcen. Im konkreten Fall: Das technisch bessere Auto, mehr Sinn für Ästhetik, schlauere Nutzung, intelligenteres Umfeld, raffinierter Zusatznuancen, verbesserte Harmonie mit der Umwelt (von weniger Schadstoff bis zum Recycling der Substanz und dazwischen: Die Kiste auch manchmal stehen zu lassen). Wenn die Menschen so etwas fühlen, wollen sie auch davon hören und lesen, und dann überkommt sie die große Sehnsucht nach der Autorevue, so erkläre ich mir halt unsere wunderbaren Schübe.

Die frühere Geilheit auf die Potenz des Gasgebens und Sich-Darstellens mittels Automobils hat sich zu einer Vielfalt von Ansprüchen gewandelt, de das Auto nicht mehr zum Fetisch haben, sondern als Kulturgut im Alltagsleben voraussetzen – je cleverer, desto besser.

Noch nie war die Technik des Autos so hochstehend, noch nie sein Drumherum so komplex. Man geht ab vom Kastl-Denken, ist offen für intelligente, den jeweiligen Bereich überschreitende Lösungen. Es gibt keine isolierten Wissenschaften mehr, wie es keine gesellschaftlichen Patentlösungen gibt.

Inmitten dieser Vielschichtigkeit ist unser Job heute viel positiver definiert als im Jahr unserer Gründung, als die Dinge eher geradeaus liefen und unsere Helden Sätze sagten wie: Vollgas ist mein täglich Brot. Dennoch war dieses Heft sogar von Anbeginn an ein intelligentes Produkt, tortz all der überwältigenden Begeisterung für die Sache. Wir kommen damit zum Thema: Ehret die Alten.

Norbert Orac, Erbe eines kleine Steuer- und Büroverlages, und Martin Pfundner, Juniorchef einer Glockengießerei, daneben Motorsportfunktionär, waren Fans. Orac war eher dran interessiert, selber Rallyes zu fahren, Pfundner sah sich als Architekt eines (auch gesellschaftlich) funktionierenden internationalen Motorsportwesens, in dem Österreich eine ziemlich brillante Rolle spielen könnte – , er machte das ehrenamtlich, nach diplomatischen Regeln und mit ambassadorialer Grandezza. Orac kannte das Klubleben, das heiße Pedal und hatte den Verlag, Pfundner kannte Stirling Moss und Paul Frère und den Fürsten Metternich und alle anderen, und er hatte journalistisches Gspür. Orac und Pfundner gründeten gemeinsam die Autorevue. Erste Nummer: Jänner 1965.

Die hochgelegte Latte fürs erste Heft (mit Frankenberg, Frère und Weitmann) war auch gleich das allerwichtigste Signal der Autorevue in diesem Vierteljahrhundert: Mit journalistischer Qualität das Objekt der Begierde zu veredeln (es fallweise auch verkleiden, loslösen vom ursprünglichen Wollen, was Eigenes draus machen, mit neuen Regeln, abstrakt und voller Phantasie). Pfundner war der erste Chefredakteur, Rottensteiner der erste Redakteur, Höfer der erste Assistent. Ich kam zwei Jahre später und habe im Lauf der zeit jene Mitarbeiter gewonnen, die die Erfolgsstory ermöglicht haben, eine tolle Mannschaft aus lauter Einzelkönnern, Spezialisten mit Sinn fürs Ganze. (Was ist aus den Gründern geworden? Pfundner legt inzwischen der größten Firma der Welt alle Ehre ein, und Orac hat aufgehört, ein kleiner Verleger zu sein. Er verletzt sich oft beim Motorsport, wenn er in ein Bassin voller Goldtaler hechtet.)

Zwischendurch hat’s auch Wurschtlerei und Kompromisse und schmale Budgets gegeben, aber an diesem 25. Geburtstag fühlen wir uns schon ein bisserl am Nanga Parbat. 625.000 Leser, und dies ist wahrscheinlich das einzige Land, in dem eine Autozeitschrift höhere Leserzahlen als alle Nachrichtenmagazine erreicht. Demoskopische Untersuchungen lassen erahnen, was unser Gefühl bestätigt: Wir haben nicht nur die meisten, sondern auch die hinreißendsten Leserinnen und Leser. Ich meine, ihr habt euch die Autorevue wirklich verdient.

Wir haben viel Spaß an unserem Job und machen ihn mit Begeisterung weiter. Feiern Sie mit uns den Geburtstag, dieses Galaheft und die Fortsetzung der Erfolgstory.

Herzlichst, Ihr 

Herbert Völker

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